Auch seine engsten Mitarbeiter fielen aus allen Wolken, als er Knall auf Fall von seinen Ämtern zurücktrat. An diesem Mittwoch jährt sich der Paukenschlag zum zehnten Mal. Über die Motive für Lafontaines Rücktritt - nicht einmal sechs Monate nach dem strahlenden SPD-Wahlsieg 1998 - besteht auch zehn Jahre später keine endgültige Gewissheit. Nachdem er sich zunächst vier Tage lang in seinem Haus in Saarbrücken verbarrikadiert hatte, gab er entnervt eine kurze Erklärung vor seiner Haustür ab und sprach vom "schlechten Mannschaftsspiel" der Regierung. Klar scheint, dass Indiskretionen aus der Regierungszentrale über den Verlauf der Kabinettsberatungen am Vortag des Rücktritts das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hatten. Lafontaine fühlte sich bloßgestellt.Lange vorher schon hatten sich der SPD-Chef und der Kanzler auseinandergelebt. Gerhard Schröder war der wirtschaftsfreundliche "Modernisierer", Lafontaine der öko-soziale Umverteiler. Als Parteivorsitzender musste sich der machtbewusste Saarländer im Kabinett zudem der Richtlinienkompetenz des Kanzlers unterordnen. Schon Wochen vor seinem Rücktritt sei ihm deshalb klar gewesen, dass es "eine Lösung nur geben konnte, wenn einer von uns beiden seine Ämter aufgab", schrieb Lafontaine in seinen Memoiren. "Das konnte nach Lage der Dinge nur ich sein." Reinhard Klimmt, sein SPD-Nachfolger als Ministerpräsident und langjähriger Vertrauter, ist überzeugt, dass Lafontaine am 11. März 1999 schlicht die Nerven verloren hat: "Er ist einfach ausgerastet. Sein Rücktritt war nichts anderes als ein blöder Blackout. Es war keine auch nur irgendwie politisch fundierte Aktion." Flucht aus allen ÄmternLafontaines Flucht aus allen politischen Ämtern stellte die innerparteilichen Kräfteverhältnisse in der SPD auf den Kopf. "Bis dahin dominierte Lafontaine die programmatische Umsetzung der Regierungspolitik. Mit seinem Rücktritt ist der Parteilinken die Führungsfigur abhandengekommen", sagte damals der Parteienforscher Uwe Jun. In der Programmdebatte der Sozialdemokraten hätten dadurch die "Modernisierer" um Schröder Oberwasser bekommen. Die spätere Reform-Agenda 2010 und Hartz IV seien erst dadurch möglich geworden. Als Privatier zog sich Oskar Lafontaine zunächst ins Saarland zurück. Dorthin, wo er als Regierungschef zwischen 1985 und 1998 die Politik dominiert hatte. Dorthin, wo alle auf neue Milliarden für den klammen Landeshaushalt gehofft hatten und seine Demission als Bundesfinanzminister deshalb für viele an Landesverrat grenzte. Er habe sich wie ein "Hühnerdieb" aus der Verantwortung für das Land gestohlen, schimpfte die CDU-Opposition - und freute sich doch, dass die dominierende Figur (vorerst) von der Bühne verschwunden war. Dass Lafontaine damit ausgerechnet seinem politischen Erzfeind Peter Müller im September 1999 zum Wahlsieg an der Saar verhalf und CDU-Anhänger in der Wahlnacht mit "Oskar, wir danken dir!"-Gesängen vor sein Privathaus zogen, muss ihn geschmerzt haben. Erst nach mehrjähriger Abstinenz meldete sich der "Napoleon von der Saar" 2003 in seiner Partei zurück. Sogar für eine SPD-Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl 2004 brachte sich der "alte Schlachtgaul", wie er über sich selbst sagte, ins Gespräch. Noch immer erwärmte der wortgewaltige Gegner von Agenda 2010 und Hartz IV die Herzen der gewerkschaftlich geprägten Basis. Viele Sympathien verscherzte er sich aber, als er kurz vor der Landtagswahl 2004 plötzlich mit dem Wechsel zu einer neuen Linkspartei drohte. Danach wollte auch die Saar-SPD nichts mehr von ihm wissen. Lafontaine gab im Frühjahr 2005 sein SPD-Parteibuch zurück und engagierte sich für den Aufbau einer bundesweiten Linkspartei. Kandidatur im SaarlandGerade um die Schmach von 1999 und 2004 wieder gutzumachen, so vermuten Weggefährten, kandidiert Lafontaine (inzwischen 65 Jahre) bei der Saar-Landtagswahl im Herbst wieder. Denn zusammen mit der SPD könne eine starke Linke den CDU-Regenten Müller wieder ablösen. Doch dass ihm zehn Jahre nach seinem Rücktritt erneut ein Coup gelingt und er wieder Ministerpräsident wird, ist äußerst unwahrscheinlich - selbst wenn die Linke am Ende vor der SPD landet, was laut Umfragen durchaus möglich ist: "Die Saar-SPD ist fest entschlossen, den Kakao, durch den er sie gezogen hat, nicht auch noch zu trinken", sagt Klimmt. Eine klare Ansage kam auch vom heutigen SPD-Landeschef Heiko Maas: Lafontaine werde nach der Wahl am 30. August genauso schnell wieder aus dem Saarland weg sein, wie er am 11. März 1999 aus Bonn weg war. "Deshalb wird Oskar Lafontaine definitiv keiner saarländischen Regierung angehören."