„Geschichte muss jeder auf seine Art
begreifen - und wenn er sie sich erspringt. Einzig wichtig ist die Erkenntnis.“


"Wieso sind einige Stelen nass, hat das einen tieferen Sinn„", fragt eine Mittvierzigerin einen Mitarbeiter der Gedenkstätte. Der junge Mann ist nur kurz verwirrt, nach einer Woche am Stelenfeld ist er einiges gewohnt. Spontan entschließt er sich zur einzig logischen Erklärung: "Es hat geregnet", antwortet er der Frau. "Ach so", murmelt die Besucherin. Peinlich berührt flüchtet sie in die Tiefen des Stelenlabyrinths - vermutlich weiter auf der Suche nach Erkenntnis.
Um sie herum schwirren genervte Eltern an den Betonriesen vorbei. Statt einem tieferen Sinn suchen die meisten ihre Kinder. Für die Kleinen ist das Stelenfeld ein riesiger Spielplatz. Sie toben durch die Nischen und verschwinden irgendwo im Nichts, bis sie am Rand wieder auftauchen.
Dort, an den Rändern des Stelenfeldes, stehen in diesen Tagen unzählige Reisegruppen und Familien. Viele diskutieren angeregt, über die Stelen selbst und über den Ort, über das ganze Hickhack, das es darum gegeben hat, und vor allem darüber, ob es denn nun gelungen ist, dieses Denkmal. Die Zweifler scheinen dabei in der Minderheit. Wie Volkmar und Hilde Naundorf ist die Mehrheit von der Wirkung der Betonpfeiler begeistert. "Inmitten der Stelen wird einem schon beklommen", versichert das Steglitzer Paar.
Tatsächlich ist die graue Fläche ein wahrer Magnet. Hier wird diskutiert, philosophiert, innegehalten oder bewundert. Und es wird gespielt, fotografiert und erkundet. Über den Köpfen aller springen einige von Stele zu Stele. Eine Zeitung hatte dieses Motiv auf Seite eins. „Seitdem klettern immer mehr“ , bedauern die Männer in Uniform.
Aber nicht alle wollen auf die Stelen, viele zieht es eher darunter. "Ich bin zwar erst 13, doch habe ich genug Menschenverstand, um zu begreifen, wie dumm die Taten der Nazis waren", schreibt Marissa Krzok ins Gästebuch des unterirdischen Teils des Denkmals, nur wenige Buchseiten hinter Horst Köhler, dem Bundespräsidenten. Die Beine hat sich die Schülerin aus Heidelberg in den Bauch gestanden, um in den "Ort der Information" vorzudringen. Zwei Sicherheitskontrollen und eineinhalb Stunden später hat sie es geschafft. Und Marissa ist sichtlich beeindruckt.
Der "Ort der Information" ist ein Ort der brutalen Wahrheit. Das ganze Ausmaß der Judenvernichtung prangt in Englisch und Deutsch von großen Schautafeln - chronologisch von 1933 bis 1945. Elf Millionen Juden sollte das "Endlösungsprojekt" treffen. So hatten es die Nazis geplant. Zwischen fünfeinhalb und sechs Millionen starben tatsächlich. Aufmerksam lesen die Besucher hier unten Wort für Wort. Gesprochen wird nicht, nicht einmal geflüstert. Es herrscht Totenstille.
Es ist wohl das Minimalistische, was hier unten für maximales Begreifen sorgt. Einzelschicksale prägen sich dem Besucher ein. Marissa machen sie Gänsehaut. In der Schule hat sie gerade das Tagebuch der Anne Frank gelesen - doch auf so viel Unmenschlichkeit war sie nicht vorbereitet. Die Schülerin will wiederkommen und Freunde mitbringen. "Das muss man weitertragen", findet auch ihre Mutter.
Wieder draußen auf festem Boden ist "Mensch auf Stele" nach wie vor das beliebteste Fotomotiv. Dabei ist das eine echte Mutprobe. Nicht nur, weil die Stelen bis zu viereinhalb Meter hoch sind, sondern vor allem, weil man sich darauf nicht erwischen lassen darf. Die Security ist blitzschnell, mit kurzen Kommandos pfeift sie die Besucher im Sekundentakt zurück. „Hier darf keiner rauf“ , erklärt ein Wachmann knapp die Order. "Warntafeln sind in Arbeit", fügt er hinzu. "Alles muss seine Ordnung haben."
Filipp Fuchs hält von so viel Ordnung nichts. Unbeirrt tänzelt der Künstler über die Stelen. "Ist das hier ein Symbol für die Freiheit oder nicht“", fragt der 30-Jährige provokant. "Geschichte", findet er, "muss jeder auf seine Art begreifen - und wenn er sie sich erspringt. Einzig wichtig ist die Erkenntnis".
Zumindest den letzten Satz würde, wenn er könnte, wohl auch Primo Levi unterschreiben. Die Worte des Auschwitzüberlebenden stehen in großen Lettern am Eingang der Gedenkstätte: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen; darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben."