Das einzige Hochhaus in Guben fällt nicht nur wegen seiner Höhe auf. Umgeben von sanierten, dreigeschossigen Häusern, die in freundlichen Pastellfarben leuchten, sticht der graue Waschputz des früheren „Pano ra ma“ - Hotels ins Auge. Die Glasscheibe der Eingangstür ist eingeschlagen. In einem der beiden Treppenaufgänge liegen Altkleider und Abfälle. Treppen und Gänge sind seit längerer Zeit nicht mehr gereinigt worden. Es riecht muffig.
Ein handgeschriebener Zettel hinter einer verschlossenen Glastür im ersten Stock verkündet ohne Absender, dass das Hochhaus nicht geschlossen werde. „Wir sind bemüht, die Verhältnisse zu regeln.“
Daran glaubt jedoch offenbar kaum noch einer der Hausbewohner, denn der Zettel hängt seit Wochen dort. Die „Verhältnisse“ wurden in dieser Zeit nicht besser, sondern schlechter. Erst gab es keine Heizung mehr, dann ab Mitte Februar wegen unbezahlter Rechnungen keinen Strom. Seit vorigem Freitag ist auch das Wasser abgestellt. Ein Wasserzähler mit aufladbarer Chipkarte für Lieferungen gegen Vorkasse wurde heimlich ausgebaut und durch ein einfaches Wasserrohr ersetzt. Mitarbeiter des Gubener Wasser- und Abwasserzweckverbandes (GWAZ) entdeckten das bei einer Kontrolle. Sie sperrten die Leitung.
Wie viele Menschen wirklich noch in dem Hochhaus leben, weiß niemand so genau. Fast 60 Personen sind laut Auskunft des stellvertretenden Bürgermeisters Fred Mahro (CDU) dort noch gemeldet. Anzutreffen sind jedoch nur noch wenige, die in dem Haus ohne Heizung, Strom und Wasser ausharren. Einer davon ist der 64-jährige Andreas Bilik. Er hat sich an die Stadtverwaltung um Hilfe bei der Suche nach einer neuen Wohnung gewandt und hofft nun, dass er bald ausziehen kann. In dem Hochhaus bleiben will er auf keinen Fall. Außer dem Dach über dem Kopf gebe es dort nichts mehr. Alle werden ausziehen, prophezeit er: „Hier bleibt nur noch das Echo.“ Zum Waschen und Aufwärmen geht er zu Freunden und Bekannten. Nachts schlief er in den vergangenen Wochen mit drei Decken übereinander.
Dieter Irrgang hat niemanden in der Nähe, der ihm helfen könnte. Der 47-Jährige mit Vollbart und nackenlangem Haar sitzt angezogen auf einem Sofa, die Bettdecke über den Knien. Ein batteriebetriebenes Radio dudelt. Auf dem Tisch steht zwischen schmutzigem Geschirr eine Gaskartusche mit Aufsatz, wie sie Camper verwenden. Trinkwasser holt sich Irrgang von einem vietnamesischen Imbissinhaber in der Nähe. „Ich warte ab, irgendetwas muss ja passieren“ , sagt er. Beim Sozialamt habe man ihm nicht weiter geholfen.
Den Vorwurf lässt Gubens stellvertretender Bürgermeister nicht auf der Stadtverwaltung sitzen. „Wir sind seit Wochen regelmäßig dort und bieten Hilfe an“ , sagt Fred Mahro. Doch meist werde kaum ein Mieter angetroffen. Einige von ihnen hätten noch Mietschulden bei der Gubener Wohnungsgesellschaft. Eine andere Bleibe zu finden, sei nicht immer einfach.
Manche Hochhausbewohner hätten jedoch auch Hilfe abgelehnt, so Mahro. Zum Beispiel ein 57-Jähriger, der jetzt mit Erfrierungen an den Füßen im Gubener Krankenhaus liegt. Ihm habe man vor Wochen, als es noch richtig kalt war, einen Platz in einer Einrichtung für betreutes Wohnen angeboten. Der Mann habe abgelehnt, wegen des dort herrschenden Alkoholverbotes. Jetzt hat er eingewilligt, wird aus dem Krankenhaus dort hin ziehen.
Die Geschichte des Hochhauses ist verworren. Im August 2000 hatte Heinz Becker, Kaufmann aus Neuwied bei Koblenz, das Gebäude bei einer Zwangsversteigerung erworben. Irgendwann wurde seine Frau zusammen mit einem Rechtsanwalt Eigentümer. Ein Weiterverkauf an eine Berliner Firma scheiterte, weil von dort kein Geld floß. „Ich fühle mich für das Haus noch verantwortlich“ , sagt Heinz Becker. Der beklagt, von keiner Bank eine Finanzierung für den Umbau der Einraumwohnungen bekommen zu haben. Die Stadtverwaltung habe ihn auch nicht genug unterstützt.
Das Hochhaus wurde früher als Hotel genutzt. Mehrere Etagen haben deshalb nur einen gemeinsamen Stromzähler. Eine Pauschale von 30 Euro im Monat, die er seit Dezember verlangt hatte, habe kaum jemand bezahlt, so Becker. Da hatten die Hochhausbewohner schon die erste Stromsperre des Energieversorgers enviaM wegen unbezahlter Rechnungen hinter sich. Nach einer Zahlung wurde die Elektrizität wieder angeklemmt. Vor sechs Wochen war dann wieder Schluss.
Insgesamt seien noch immer Stromschulden von rund 46 000 Euro für das Haus offen, sagt Ulrich Panke von der enviaM Service GmbH in Cottbus. Doch auch wenn Geld einginge, würde nicht wieder einfach zugeschaltet. „Die Tür zum Zählerraum im Keller ist eingetreten, da wurden illegal Kabel gezogen, die ganze Elektro-Anlage ist 40 Jahre alt und nicht mehr sicher“ , sagt Panke. Der Bestandsschutz sei mit der Abschaltung erloschen. Ein Elektriker müsse die Leitungen erst prüfen und damit die Verantwortung für die Betriebssicherheit übernehmen. „Ohne Sanierung wäre das Harakiri, das macht niemand“ , so Panke.
Heinz Becker sagt, dass er davon nichts wisse, ebenso wenig von der Sperrung der Wasserleitung. Er werde sich jetzt darum kümmern, dass das Wasser wieder fließt. Mit einem potenziellen Kaufinteressenten für das Haus sei er im Gespräch, auch mit Banken, um selbst Geld zu bekommen.
Im Juni soll das Hochhaus zwangsversteigert werden. Der Termin hängt im Gubener Amtsgericht aus. Der Verkehrswert der Immobilie wurde mit rund 700 000 Euro festgesetzt. Wenn die Versteigerung scheitere, müsse die Stadt neu überlegen, sagt Vize-Bürgermeister, Fred Mahro. „Dann ist nicht auszuschließen, dass wir uns da irgendwie engagieren.“