Das Wetter in Stuttgart hätte nicht besser sein können. Bei strahlend blauem Himmel begrüßt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Donnerstagmorgen Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. "Familientreffen" bei einem Grünen, eine Premiere am Tag der Deutschen Einheit. Das traditionelle "Familienfoto" gibt es am Schiller-Denkmal.

Danach geht es zum Ökumenischen Gottesdienst in die Stiftskirche. Vor dem Altar veranschaulichen zwei Tänzer in weißen Gewändern Anziehung und Distanz. In fließenden Bewegungen finden Mann und Frau zuein ander und stoßen sich wieder ab. Parallelen zum Zusammenwachsen der Deutschen im 23. Jahr der Einheit? Bürger berichten in den Lesungen über ihre Ausgrenzung etwa durch Arbeitslosigkeit und Behinderung und wie sie diese überwunden haben. Auf der Straße begegnen den Politikern immer wieder auch Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 - mit gelben Luftballons und den bekannten Symbolen des Widerstands. "Oben bleiben" rufen sie. Bundespräsident Gauck geht auch darauf ein: Heute sei ein Tag, sich über das Gelungene zu freuen; doch natürlich gebe es auch immer Leute, die auf das Nichterreichte verwiesen. "Heute lacht aber die Sonne", fügt Gauck hinzu.

Bei seiner Rede auf dem Festakt ermutigt Gauck die kommende Bundesregierung zu mehr Engagement in einer Welt voller Krisen und Umbrüche. "Unser Land ist keine Insel", sagt das Staatsoberhaupt. Deutschland müsse sich stärker an der Lösung politischer, wirtschaftlicher und militärischer Konflikte beteiligen. Zwar dürfe Deutschland andere Länder nicht bevormunden. "Ich mag mir aber genau so wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt fest, dass es auch 23 Jahre nach der Wiedervereinigung noch zu große Unterschiede zwischen Ost und West gebe. "Es bleibt einiges zu tun." Im Osten seien die Gehälter niedriger und die Arbeitslosigkeit höher als im Westen. Die Ost-Ministerpräsidenten Christine Lieberknecht (Thüringen, CDU) und Erwin Sellering (Mecklenburg-Vorpommern, SPD) fordern die Anhebung der Ost-Renten auf Westniveau. Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) dankt für die Aufbauhilfe der alten Länder.

Der Bundespräsident trägt der nächsten Regierung auf, die digitale Revolution und die Folgen der alternden Gesellschaft zu meistern. "Wenn die Gesellschaft der Wenigeren nicht eine Gesellschaft des Weniger werden soll, dann dürfen keine Fähigkeiten brach liegen." Sozial Schwächere müssten eine gute Bildung erhalten. Die Politik habe sich zwar auf den Weg gemacht. "Aber sie bewegt sich nicht immer schnell genug."

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnet die Wende in seiner Rede als "historischen Glücksfall". "Es war eine Sternstunde deutscher Geschichte."