Und sie hat Freunde mitgebracht, die ihr den Abschied vom Beruf leichter machen sollen. Karsten Troyke steuert mit seinen Liedern Fröhliches, Beschwingtes und Nachdenkliches bei, Jens-Peter Kruse begleitet nicht nur auf der Gitarre, auch sein Solo wird mit Beifall bedacht.
Quasi auf den letzten Drücker sind sie angekommen. „Ich hatte nur noch Zeit, mich in mein schönes Kleid zu werfen, für Schminke hat's nicht mehr gereicht“ , begrüßt Bettina Wegner ihr Publikum. Das ohnehin von ihr Ungeschminktes erwartet. Und das folgt dann auch auf dem Fuße: „Ich gehe weg in zeriss'nen Sandalen, und habe noch am Ende vergessen zu zahlen“ , singt sie, wohl wissend: „Volle Münder schreien nicht“ .
Vor wenigen Wochen ist die Künstlerin 60 geworden. Von Kraftverlust ist nichts zu spüren, auch wenn ihr ein Infekt zu schaffen macht. Authentisch ist sie wie ihre Lieder. Und trotzdem sie das Leben mitunter eines Bessren belehrt hat, hört sie nicht auf, daran zu glauben: „Nur wir bestimmen, wann der letzte Vorhang fällt.“ Manchen mag die Zusammenstellung des Programms verblüffen. Und doch haben all diese Lieder, so unterschiedlich sie in Herkunft und Sprache auch sein mögen, einen inneren Zusammenhalt. Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Ein herzwärmendes Programm, das sich zu Menschlichkeit ohne Ansehen von Rasse, Kultur und Religion bekennt: „Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt“ , zitiert sie aus dem Talmud. „Wer einen Menschen tötet, der tötet die Welt.“ , so der Koran. Gedanken, die sie im Lied festgehalten hat, das sie für ihre Mutter Lisa zum 90. Geburtstag schrieb.
Eine leise Melancholie schleicht sich gelegentlich in die kraftspendenden Lieder: „Die Wahrheit bleibt im Panzerschrank.“ Was die Hoffnung nicht kaputtmachen kann: „Liebe wohnt in uns noch immer.“
Ulkig, je älter sie geworden sei, umso mehr Liebeslieder habe sie geschrieben, offenbart sie. Genützt habe es nichts. Und so klingen die Lieder denn auch: „Der Kuckuck zählt die Zeit. Ich werd ihn darum bitten, dass er nie wieder schreit.“
Ihre Lieder erzählen davon, wie sie stumm wurde, in dem neuen großen Deutschland, von dem Gefühl, im Niemandshaus ein Zimmer zu haben, von zerbrochenen Flügeln. Sie bleibt aufrecht stehen, wenn andere sitzen und hält im Duett mit Karsten Troyke Mahnwache gegen die Todesstrafe.
Und dann, kurz vor der Pause, endlich das Lied von den kleinen Händen. „Oft war es das einzige, was die Leute von mir kannten. Deshalb war ich stur, habe es lange nicht mehr gesungen. Bis meine Söhne eines Tages mit einer Punkversion ankamen“ , berichtet sie stolz. Da habe es doch wenigstens Gebrauchswert.
Empört allerdings habe sie reagiert, als auf einer CD der NPD ihr Lied in zynischer Weise umgetextet wurde in „Unsere Kinder“ . Die Liedermacherin hat dagegen geklagt und das Machwerk wurde eingestampft: „Das ist meins, kein Lied von denen, ich habe es geschrieben für meine und alle Kinder und erst recht für Erwachsene“ , sagt sie. Sie hat auch ein Lied gegen die Traurigkeit, die ihr und ihrem Publikum an diesem Abend ans Herz greifen will. Verstohlen wischt sie sich über die Augen, als sich der ganze Kinosaal erhebt und sie singt: „Ich gehe fort. Haltet mich nicht. Haltet die Rosen bei Wasser.“
Und dann wird es ganz leise. Keine Totenstille, diese respektvolle Stille hat etwas ungemein Lebendiges. „Ich wünsche mir, dass die Welt ein bisschen leiser wird“ , hatte Bettina Wegner im RUNDSCHAU-Samstagsgespräch zu ihrem 60. Geburtstag gesagt. Für Augenblicke ist ihre Hoffnung in Cottbus Wirklichkeit geworden.