Züge, Billigflieger und die Lufthansa verbindet dabei jetzt das gleiche Konzept: Am meisten spart, wer lange vorher das Ticket kauft. Die Frage, wie die Deutschen mit dieser Art des Reisens umgehen, wird Forscher noch lange beschäftigen. Manche Experten sind sich in einem Punkt aber bereits einig: Am meisten profitieren könnte das Auto.

Freizeitverkehr eher spontan
„Die Dominanz des Autos ist ungebrochen und wird sich kaum noch zurückschrauben lassen“, sagt Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin. „Freizeitverkehr entsteht eher spontan und da verspielt die Bahn einen Vorteil“, meint Walter Hell, Leiter des von BMW gegründeten Instituts für Mobilitätsforschung in Berlin. „Im Schnitt fahren Bahnreisende eine Strecke von 260 Kilometern. Bei solchen Entfernungen ist nicht der Billigflieger die Alternative, sondern das Auto, das flexibel vor der Tür steht“, fürchtet auch Annette Volkens vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Berlin.
Mit dem Konzept „Wer spät bucht, den bestraft das Tarifsystem“ widersprechen die Verkehrsträger aus Sicht der Fachleute einer generellen gesellschaftlichen Entwicklung: dem Trend, für wechselnde Anforderungen auch im Privatleben schnell Lösungen finden zu müssen. „Viele Menschen wissen nicht, ob sie tatsächlich freitags um 16 Uhr im Büro den Stift fallen lassen können, um den Zug zur Oma oder zu Bekannten in einer anderen Stadt erreichen zu können“, so Volkens. Doch das verlangt die Bahn, wenn bei kurzfristiger Umbuchung eines Plan & Spar-Tickets keine Gebühren von 45 Euro anfallen sollen.
Wer heute erfährt, dass er morgen von A nach B muss, wird weiter meist einen Platz im Zug oder Flieger bekommen – nur eben nicht zu Last-Minute-Tarifen, wie man sie von Pauschalreisen kennt. „Günstig und flexibel, das wird schwierig“, resümiert Volkens. „Mit den neuen Konzepten erreichen die Unternehmen vor allem Reisende, die sich frühzeitig festlegen können“, sagt auch Mobilitätsforscher Hell.
Von den günstigen Tarifen bei den Billigfliegern „könnten auch verstärkt Menschen zwischen 20 und 50 Jahren profitieren, die mit dem Internet vertraut sind, die Fußangeln bei diesen Angeboten kennen und auch sonst genau wissen, was sie wollen“, so Volkens. Das Flugzeug werde aber weiterhin hier kein Massenverkehrsmittel sein. Verlierer der neuen Preispolitik sind aus VCD-Sicht unter anderem alle, „die zwar sagen können, wann sie zum Beispiel von Köln nach München fahren – aber nicht, wann zurück“, so Volkens.

Wunsch nach Privatsphäre
Die neuen Möglichkeiten des „Mitbahnens“ – sprich der Bildung von Kleingruppen zur Senkung des Fahrpreises – sind aus VCD-Sicht eine Möglichkeit, Geld zu sparen. Mobilitätsforscher Walter Hell ist da jedoch skeptisch: Auch die Auto-Mitfahrzentralen seien ein Phänomen der jüngeren Generation. Bei vielen anderen Menschen überwiege der Wunsch nach Privatsphäre – abgesehen davon, dass sich ja wildfremde Leute erst auf gemeinsame Start- und Zielorte einigen müssen.
2003 werden viele Menschen bei ihrer Mobilität neue Wege probieren, glaubt Weert Canzler: „Irgendwann stabilisiert sich das aber auch wieder, und es wird sich jeder Einzelne festlegen, wie er in Zukunft bevorzugt reist.“ Konkurrenzlos bleibe das Auto als Transporter für Menschen mit sperrigen Sportgeräten und bei Strecken, die Flugzeuge nicht und die Bahn nur mit häufigem Umsteigen anbietet.
Wer sich nahezu unbegrenzte Mobilität verschaffen will, ist laut VCD-Expertin Volkens gut beraten, sich über eine Netzkarte der Bahn Gedanken zu machen. Diese lohne sich schon, „wenn jemand jede Woche zwischen Hamburg und Frankfurt/Main pendelt.“ Für 3350 Euro können Netzkarteninhaber mit wenigen Ausnahmen das gesamte Bahnnetz in Deutschland nutzen – das ganze Jahr 2003 hindurch.