Herr Zeiß, die Bundesrepublik diskutiert den Umstieg auf erneuerbare Energie und Vattenfall weiht einen neuen Braunkohleblock in Boxberg ein. Wie passt das zusammen?
Das passt sehr gut. Die Grundlastkraftwerke sichern durch ihre ständige Verfügbarkeit die Stromversorgung rund um die Uhr und durch ihre Steuerungsfähigkeit, dass die erneuerbare Energie eingespeist werden kann.

Das heißt, dieser Block wird gebraucht, trotz des Anstiegs erneuerbarer Energie?
Ja, trotz des Anstiegs der erneuerbaren Stromerzeugung und des Ausstiegs aus der Kernenergie.

Der Bau hat eine Milliarde Euro gekostet. Bis wann soll sich das denn amortisieren, und wird das Kraftwerk überhaupt so lange laufen?
Da muss man in langen Zeiträumen von Dekaden rechnen. Mehr als zwanzig Jahre sind ein normaler Zeitrahmen für die Amortisation eines Braunkohlekraftwerkes. Das bedeutet für die neue Anlage in Boxberg einen Zeitraum bis über 2032 hinaus. Grundlastkraftwerke werden aber noch weit darüber hinaus benötigt werden.

Was unterscheidet diesen neuen Block von den anderen vorhandenen Vattenfall-Blöcken in der Region?
Das ist in unserem Kraftwerks-park der Block mit dem höchsten Wirkungsgrad von 43,7 Prozent. Damit hat er auch den geringsten spezifischen Kohleverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß und er hat die höchste Flexibilität, um auf das schwankende Angebot an erneuerbarer Energie zu reagieren.

Hat der neue Block Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze? Sparen Sie dadurch Personal?
Wir sparen kein Personal, im Gegenteil, wir benötigen 50 Mitarbeiter mehr.

Wird der Block R in Boxberg der letzte neue Braunkohleblock in der Lausitz sein? Bisher gibt es noch immer keine Entscheidung über einen Kraftwerksneubau in Jänschwalde.
Die Entscheidung zu Jänschwalde hat sich mit der Stornierung unseres CCS-Demokraftwerk-Projektes an diesem Standort verschoben. Die Entwicklung dazu läuft aber weiter, nicht nur bei uns, auch weltweit. Die technischen Fragen scheinen dabei geklärt. Offen ist die Speicherung von abgetrenntem Kohlendioxid. Die Europäische Union arbeitet an einem transnationalen Infrastrukturplan für Transport und Lagerung unter dem Meeresboden.

Heißt das, nur wenn dieses Vorhaben gelingt, wird es ein neues Kraftwerk in Jänschwalde geben?
Es muss ein Speicher zur Verfügung stehen, sonst macht es keinen Sinn, ein CCS-Kraftwerk zu errichten. Vattenfall hat sich klar positioniert, dass wir das neue Kraftwerk mit dieser Technologie errichten wollen.

Die beschlossene Energiewende in Deutschland sorgt inzwischen für lebhafte Diskussionen über Strompreise und Versorgungssicherheit. Welche Auswirkungen spürt Ihr Unternehmen davon?
Die Auswirkungen der Energiewende sind natürlich sehr vielfältig. Derartig große Veränderungen sind nicht leicht zu schultern. In Bezug auf Versorgungssicherheit leistet die deutsche Braunkohle einen ganz wesentlichen Beitrag. Bei der Preisentwicklung wirkt Braunkohlestrom stabilisierend. Wir verkaufen unseren Strom fast ausschließlich an der Strombörse. Dort sieht man zur Zeit ein sehr gleichbleibendes Niveau und das wird vermutlich in den nächsten Jahren so bleiben.

Braunkohlegegner konzentrieren deutschlandweit ihren Widerstand auf den Osten, weil nur dort Planverfahren für neue Tagebaue offen sind. Wird die Zukunft des Braunkohlestromes in der Lausitz entschieden?
Ich glaube schon, dass diese Verfahren hier einen wesentlichen Einfluss auf die Zukunft der Braunkohle haben können. Gleichzeitig bin ich sehr optimistisch, dass diese Verfahren erfolgreich geführt werden können. In der Region gibt es einen klaren Blick in Bezug auf die wirtschaftliche Bedeutung der Braunkohle. Die Kohle in den genehmigten Tagebauen reicht bis etwa 2027, das sind noch 15 Jahre. Das ist wirtschaftspolitisch ein sehr kurzer Zeitraum.

Wie lange wird Vattenfall in der Lausitz noch Braunkohle fördern und verstromen?
Unsere laufenden Genehmigungsverfahren beinhalten einen Zeitraum, der über 2040 hinaus geht. Und bis dahin gibt es noch viele Entscheidungen zu treffen und Erfahrungen zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass es auch nach 2040 noch viele Aktivitäten in der Braunkohle geben wird. Vielleicht auch über die Verstromung hinaus in der stofflichen Nutzung.