Manchmal soll es klein sein. Dann setzt sich Rainald Grebe solo ans Klavier und singt über das psychologische Jahrhundert, die Vorwahl des Atlantik oder das dünn besiedelte Brandenburg, wo man "Bisamratten im Freibad sieht". An diesem Samstag will es der Musiker aber noch einmal richtig groß, genauer gesagt eine "größenwahnsinnige Verschwendung" für einen Abend - mit mehr als 100 Mitwirkenden in der 17 000 Zuschauer fassenden Freilichtbühne in der Wuhlheide in Berlin. In Stadionatmosphäre sollen auch Volk und Volkslieder zusammenkommen. "Dass das überhaupt geht, dass man da spielen darf - mit so was, was ich mache", sagt der selbst erklärte Liedermacher.

Schon zu seinem 40. Geburtstag 2011 veranstaltete er ein großes Open-Air-Spektakel, zu dem 15 000 Menschen in die West-Berliner Waldbühne kamen. "Das war tatsächlich so ein Elton-John-Gefühl", schwärmt Grebe, der auch sonst größere Säle kennt. Das außergewöhnliche Popstar-Feeling soll es nun also ein zweites Mal sein, und zwar im Osten der Hauptstadt - während am gleichen Abend in der Waldbühne die Ost-Band Karat samt Gästen mit einem Jubiläumskonzert ihren 40. Geburtstag feiert.

Auf die Geschichte des Ortes kommt es Grebe dabei an. Er stieß auf die "10. Weltfestspiele der Jugend", die 1973 auch in der Wuhlheide stattfanden. Natürlich hätten die DDR-Oberen das Politfestival damals benutzt. "Ich benutze das auch. Für meine Zwecke", sagt der Musiker. Angesichts der "Kraft so vieler Leute" auf den Rängen soll es stark um das Thema Volk gehen. Mit seinem Publikumsvolk will Grebe denn auch Volkslieder anstimmen. Dazu zählt er genauso Kinderweisen, Sauflieder oder Fußballgesänge. Überhaupt gehören neue Volkslieder zu seinem künstlerischen Programm. Denn die Tradition sei in Deutschland wegen des Nationalsozialismus gekappt. "Dann ist Zeit zum Erfinden da. Und das mache ich."

So komme es, dass Brandenburger sein Brandenburg-Lied kennen und mitsingen statt der quasi offiziellen Hymne mit dem roten Adler. "Dann komme ich so ein bisschen in das Fahrwasser ,Oh, ich bin Volksmusikant'". Beim Konzert "Halleluja Wuhlheide" will Grebe von Chorleiterveteran Gotthilf Fischer die "Absolution zum Dirigieren der Massen" erteilt bekommen. Angekündigt sind auch Bassbariton Thomas Quasthoff, Komiker Olaf Schubert sowie Friedenstauben, Turner, das "marokkanische Starkamel Yussuf" und ein Biofeuerwerk. Grebes "Orchester der Versöhnung" wächst mit einem Streichquartett und 15 Bläsern zum großen "Wuhlorchester". Das Einmal-Spektakel im Osten Berlins ist für den aus Köln stammenden Musiker auch eine Art Heimspiel.

Anfang der neunziger Jahre ging er in den Osten, machte an der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" ein Puppenspieler-Diplom und widmete inzwischen allen fünf neuen Ländern spezielle Hymnen - von Mecklenburg-Vorpommern ("Drei Tage Rügen müssen genügen") bis Thüringen ("Das Land ohne Prominente"). Um Westländer ähnlich ins Visier zu nehmen, fehlten ihm die Einblicke. "Ich käme jetzt nie drauf, ein Lied über Bayern zu schreiben." In einen symbolträchtigen Teil des Westens will er sich aber doch vertiefen. Westberlin - "also ohne Bindestrich" - heißt das Stück, das im Herbst an die Berliner Schaubühne kommen soll. Auf der Suche nach interessanten Geschichten über die Frontstadt inmitten der DDR taucht Grebe in viel Material ein, trifft sich mit Zeitzeugen.

Druckbetankung nennt er es, wenn wieder neue Songs entstehen. "Jeder Satz, der irgendwo reinfliegt, wird getestet, ob der klingt." Und Westberlin sei ihm wirklich unbekannt. "Das ist Atlantisforschung."