Reginald Moore ist wieder auf der Brücke. Und er erzählt, als sei es erst gestern gewesen. Über die Edmund Pettus Bridge zogen Tränengaswolken, als wäre der Alabama River in dichte Nebelschwaden gehüllt. Polizisten schlugen mit Billy Clubs, schweren Knüppeln, auf Fliehende ein. Am schlimmsten waren die Polizisten auf Pferden, die dem Jungen vorkamen wie apokalyptische Reiter aus einem Horrorfilm. Reginald Moore war damals zehn. Er saß im Auto neben seinem Großvater, der beschlossen hatte, dem Chaos zu trotzen und über den Fluss nach Selma zu fahren. "Granddad sagte, hab‘ keine Angst, wenn sie uns angreifen, dann schieße ich, dir wird niemand was tun. Aber er hatte ja nur sechs Patronen in seinem Revolver."

Reginald schaffte es bis nach Hause an jenem 7. März 1965. Der Schock saß tief, doch verletzt wurde er nicht, zumindest nicht körperlich. Bis heute trägt er die Bilder des "Bloody Sunday" mit sich herum, im Gedächtnis und gespeichert auf seinem Smartphone. Historische Motive von Fotografen, die für ihn eine sehr persönliche Bedeutung haben. Eines zeigt seine Mutter. Margaret Moore, Lehrerin für Englisch und Geschichte. Erschöpft, benebelt vom Gas, steht sie hinterm Pfeiler einer Stromleitung und blickt auf eine Kolonne parkender Streifenwagen mit den überbreiten Hecks jener Jahre. Dahinter erkennt man schemenhaft die Helme der State Trooper, der berüchtigten, brutalen Polizeibeamten des Staates Alabama. Es sind körnige Bilder, aufgenommen direkt nach der Prügelorgie. Irgendwann war Reginalds Mutter zurück in ihrer Kirche, Brown Chapel, wo der Theologiestudent John Lewis zu den Versammelten sprach, obwohl er einen blutigen Verband um den Kopf trug. Lewis ist heute Kongressabgeordneter, nach Margaret Moore ist ein Anbau des Gotteshauses benannt. Sieger der Geschichte.

An dem Tag haben sie ihre vollen Bürgerrechte erkämpft, die 600 Demonstranten, die in Zweierreihen über die Brücke marschierten, bis ihnen ein blauer Block von Uniformierten den Weg nach Montgomery versperrte, in die Hauptstadt Alabamas, gut achtzig Kilometer entfernt. Als die Trooper knüppelten, unterbrach der Sender ABC einen Spielfilm, um nach Selma zu schalten, sodass 48 Millionen Amerikaner an den Bildschirmen zusahen, wie der Polizistenmob wütete. Es war ein Moment, der das Land veränderte. Präsident Lyndon B. Johnson setzte den Voting Rights Act durch, womit das Wahlrecht für schwarze Amerikaner, theoretisch garantiert seit dem Ende des Bürgerkriegs, nicht mehr nur auf dem Papier stand. Was immer sich weiße Rassisten an Tricks einfallen ließen, um es auszuhebeln, eine Wahlsteuer, willkürliche Lesetests, wirkte nun nicht mehr. Ja, das sei erreicht, aber sonst gehe nichts voran in Selma, als seien die Uhren stehengeblieben, sagt Moore und erzählt von den Schulen. In den Sechzigern teilten sich Schwarze und Weiße erstmals ein Klassenzimmer. "Und heute ist die Rassentrennung zurückgekehrt, nur eben übers Geld und nicht per Gesetz." Weiße Kids gehen auf private Schulen, schwarze auf staatliche.

Brown Chapel liegt in einer Armensiedlung. Vor den schlichten Sozialbauten der George Washington Carver Homes, zwei Stockwerke, Klinkerfassade, lehnen junge Männer am Zaun und wissen nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollen. Drinnen handelt die Predigt des Pfarrers von der Überlegenheit gewaltfreier Proteste. "Eine Armee mit der seltsamen Strategie zivilen Ungehorsams, eine Armee von Turnschuhsoldaten, zieht los gegen bis an die Zähne bewaffnete Trooper. Gott gegen Gewehre", dröhnt Leodis Strongs Bariton. Der Status quo habe bekanntlich verloren, trotz der Knüppel, der Peitschen, der Kavallerie. Wer immer für etwas kämpfe und in schwerer Stunde zu zweifeln beginne, der möge an Selma denken.

In der dritten Reihe sitzt Zenobia Robertson, stilsicher gekleidet im cremefarbenen Sonntagskostüm. Mit 17 ist sie über die Brücke auf den blauen Block zumarschiert, trotz ihrer Angst, im Alabama River zu landen und als Nichtschwimmerin zu ertrinken. Zwei Wochen später marschierte sie erneut, diesmal - beschützt von Soldaten, mit Martin Luther King an der Spitze des Zuges - ungehindert in Richtung Montgomery. Es war kalt, es nieselte, Zenobia kam nur bis zu einem Zeltlager auf Rosie Steeles Farm. Halbe Strecke. "Dort bin ich umgekehrt, wir hatten ja bewiesen, was zu beweisen war", sagt die pensionierte Lehrerin mit ruhiger Stimme, darauf bedacht, bloß nicht die Heldin zu spielen.

An der Broad Street reihen sich leere Läden an solche, deren Besitzer sich gerade noch über Wasser halten. "One Way Bookstore": Die Fenster mit Sperrholz verrammelt. "Cahaba Furniture": Draußen ein Schild - Zu vermieten. Selmas Hauptstraße ist gründlich heruntergekommen. Seit es am Ortsrand einen Wal-Mart-Supermarkt mit seinen Billigpreisen gibt, so weitläufig wie mehrere Turnhallen, kaufen die Leute fast nur noch bei Wal-Mart ein, während die kleinen Geschäfte an der Broad Street in die Pleite rutschen. Selma steckt in der Krise, ein Drittel seiner 18000 Bewohner lebt in Armut, ein Fünftel der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Früher gab es in der Nähe eine Luftwaffenbasis, Craig Field. Als sie 1977 geschlossen wurde, brach der größte Arbeitgeber weg. Nun träumt der Bürgermeister George Evans von Investoren aus China. Nebenan, im Wilcox County, hat ein chinesischer Hersteller von Kupferrohren eine Fabrik aufgemacht, es ist seit Langem der erste Silberstreif. Im Übrigen macht sich Evans, erst der zweite schwarze Mayor der Stadtgeschichte, Sorgen wegen der Wählerapathie. Beim Kongressvotum im Herbst lag die Wahlbeteiligung in Dallas County, dem Landkreis, zu dem Selma gehört, bei 30 Prozent. "Ausgerechnet in Selma", sagt Zenobia Robertson. "Wir müssen den Jungen wohl beibringen, was wir für dieses Recht alles durchmachen mussten."

Faya Touré sitzt zwischen Papierstapeln an einem sehr langen Tisch. An den Wänden, gemalt in Öl, afrikanische Königinnen. Im Büro der Rechtsanwältin jagt eine Beratung die nächste, denn zum runden Jahrestag kommt Barack Obama nach Selma, und mit ihm hundert Kongressabgeordnete, so viele wie bei keinem Jubiläum zuvor. Für Faya Touré, die ein Netzwerk von Aktivisten organisiert, werden es schwierige Tage. Sobald es heißt, ein Obama im Oval Office sei doch das beste Beispiel dafür, wie sich Amerika ändere, muss sie Einspruch erheben. "Nicht bei uns! Nicht im tiefen Süden!"

Faya Touré hieß Rose Sanders, bevor sie beschloss, den Namen ihrer versklavten Vorfahren abzulegen. Nach dem Studium in Harvard gründete die Pfarrerstochter eine Anwaltskanzlei. Und wegen der Sache mit Nathan Bedford Forrest ist sie vor ein paar Monaten in Handschellen abgeführt worden. Erst Bürgerkriegsgeneral, dann Anführer des Ku Klux Klan, symbolisiert Forrest den alten Süden mit seinem Dünkel. Als ihn seine Verehrer auf dem Live-Oak-Friedhof von Selma mit einer Büste ehren wollten, entbrannte heftiger Streit. Am Ende entschied der Gemeinderat, den "Friends of Forrest" Friedhofsland zur Verfügung zu stellen. "Wohlgemerkt, ein Rat, in dem Afroamerikaner die Mehrheit bilden", sagt Faya Touré. In der entscheidenden Sitzung versuchte sie Protest anzumelden, worauf der Bürgermeister die Ordnungshüter holte, um sie festnehmen zu lassen. "Noch mal, es war ein schwarzer Amtsträger, der mich hinter Gitter brachte", wettert die Juristin und setzt zu einem Grundsatzreferat an. Die Urenkel der Sklaven, lautet dessen Quintessenz, hätten das Erbe der Sklaverei noch lange nicht überwunden. Noch immer niste in vielen Hinterköpfen der Gedanke, Weiße seien schlauer, Weiße seien überlegen, Weißen sollte man nicht widersprechen, "der ganze Unsinn der letzten vierhundert Jahre". Ergo dulde ein dunkelhäutiger Bürgermeister ein Denkmal für die Kapuzenmänner des Klans, statt zu sagen, auf keinen Fall, das sei ja so, als würde man einem Nazi in Deutschland ein Denkmal widmen. "Wir sollen vergessen und verzeihen, was man uns angetan hat. Nein, was wir brauchen, ist schwarzes Selbstbewusstsein."

Chronologie der Ereignisse
7. März 1965 - Angeführt von den afroamerikanischen Aktivisten John Lewis und Hosea Williams, marschieren rund 600 Demonstranten aus Selma heraus über die Edmund Pettus Bridge in Richtung Montgomery. Am Ende der Brücke versperren ihnen Polizisten den Weg, prügeln mit Knüppeln und setzen Tränengas ein. Der Tag geht als Bloody Sunday in die Annalen ein.

9. März 1965 - Der Prediger Martin Luther King setzt sich an die Spitze eines zweiten Marsches, diesmal sind etwa 2000 Menschen dabei, unter ihnen zahlreiche Geistliche. Auf der Brücke lässt King den Zug umkehren, um eine neuerliche Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden. Am selben Abend wird James Reeb, ein weißer Pfarrer, der sich den Protesten anschloss, von weißen Überlegenheitsfanatikern angegriffen. Zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus.

21. März 1965 - Zum dritten Marsch brechen über dreitausend Bürgerrechtler in Selma auf. Präsident Lyndon B. Johnson lässt sie durch Armee und Nationalgarde schützen. Am 25. März erreichen sie ihr Ziel, das Parlamentsgebäude Alabamas in Montgomery.

6. August 1965 - Johnson unterzeichnet den Voting Rights Act.