Herr Gaffney, erstmals finden Olympische Spiele in Südamerika statt. Freuen sich die Brasilianer darauf?
Brasilien hat keine olympische Tradition, die Brasilianer kümmern die Spiele einfach nicht so sehr. Umfragen zufolge rechnen viele von ihnen mit negativen Folgen durch Olympia. Der TV-Sender Globo überträgt am Sonntagnachmittag lieber brasilianischen Fußball live als die Olympischen Spiele. Man darf auch nicht vergessen, dass Rio während der Olympiade von 85 000 Sicherheitskräften okkupiert wird. Die Leute hier sind verärgert.

Kann Olympia der Stadt oder dem Land Linderung von der politischen und wirtschaftlichen Krise bringen?
Die Brasilianer könnten von der Krise nur abgelenkt werden, wenn die Fußball-Nationalmannschaft ihres Landes Gold holt. Das könnte für Erleichterung sorgen, das wäre ein echter Wohlfühlfaktor. Aber selbst der Rest des Landes schaut argwöhnisch auf Rio. Denn die Cariocas (Einwohner von Rio de Janeiro) stellen sich immer heraus als jene Brasilianer, die den wahren Lebensstil des Landes verkörpern. Das schürt Missgunst.

Haben die Massenproteste von 2013 etwas bewirkt?
Die Brasilianer setzten sich damals für ein besseres Transportsystem ein, eine bessere Ausstattung der öffentlichen Schulen und eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung. Das alles haben sie aber nicht bekommen. Das hat einige sprachlos hinterlassen, dass sie keine Chance hatten, diese grundlegenden Verbesserungen zu erreichen. Die Leute sind verzweifelt, sie sind angeödet von der aktuellen politischen Lage. Was ist Ihre größte Sorge während der Spiele?
Die Sicherheit. Denn die Polizei in Rio schlägt hart zurück, sehr hart und sehr schnell. Die Sicherheitssituation ist insgesamt so kompliziert, denn es gibt mehrere Ebenen, die die Sicherheit gewährleisten sollen. Zwischen den einzelnen Organisationen gibt es jedoch eine riesige Kluft. Die Abstimmung ist sehr schwierig, ein Teil der Kommunikation läuft über moderne Medien. Wenn diese zusammenbricht, herrscht Konfusion.

Sie haben sich intensiv mit den Folgen der WM vor zwei Jahren auf das Land befasst. Hat Brasilien davon profitiert?
Meine Antwort muss Nein und Ja lauten. Blicken wir dabei zum Beispiel auf Olympia. Nein, weil die Olympischen Spiele Rio nichts einbringen, was nicht ohne dieses Mega-Event ohnehin gemacht worden wäre. Olympia ist nur ein Weg, alles viel, viel teurer zu machen, damit sich korrupte Geschäftsmänner die Taschen vollmachen. Ja, weil die WM zum Beispiel dazu geführt hat, dass Brasilien seine Flughäfen renoviert hat, und das war dringend nötig. Was aber Brasilien wirklich braucht, ist ein ordentliches Schienennetz für den Personenverkehr, bessere Autobahnen, einfach insgesamt ein schnelleres Massentransportsystem.

Der Verkehr in Rio ist ein heikles Thema. Muss man einen Kollaps fürchten?
Es wird keinen Kollaps geben. Man lässt alles gut aussehen, indem man das Alltagsleben aufhebt. An öffentlichen Universitäten und städtischen Schulen sind Ferien; Kinder, Jugendliche und ihre Eltern sollen zu Hause bleiben. Die Menschen sollen während Olympia aufhören zu tun, was sie normalerweise tun. Die Organisatoren wollen, dass Raum für die Touristen bleibt. Bei der Fußball-WM 2014 riefen die Städte wegen der Spiele Feiertage aus, die ganze brasilianische Nation hatte also frei und blieb daheim. Dadurch sah es so aus, als ob es Staus und andere Logistikprobleme gar nicht gäbe.

Wie sehen Ihre Hoffnungen für Olympia und Rio aus?
Es ist traurig, aber ich habe sehr niedrige Erwartungen. Ich hoffe, dass es zu keiner Polizeigewalt kommt, dass Menschenrechte nicht missachtet werden, dass es bei Schießereien in Favelas nicht zu Toten kommt.

Mit Christopher Gaffney

sprach Martin Moravec