"Hier ist alles schief gelaufen, was schieflaufen konnte", zieht der Brandenburger pro Bahn-Vorsitzende Dieter Doege gegenüber der RUNDSCHAU ein ernüchterndes Fazit. Von Januar bis Mitte September waren beim Fahrgastverband 88 Beschwerden in Bezug auf die RE 2-Strecke eingegangen. Dabei habe es sich zu vier Fünfteln um das Fahrgeld gehandelt. Allein in den zehn Tagen nach dem Fahrplanwechsel seien es schon 27 Fahrgäste, die ihrer Verärgerung Luft gemacht hätten. Fast ausschließlich, weil Pünktlichkeit beim Bahnfahren zum Lotteriespiel geworden ist. Und es sei längst kein Ende in Sicht, betont Doege.

Ab dem 9. Dezember ist die lukrative Strecke zwischen Cottbus, Berlin und Schwerin (RE 2) von der DB Regio an die Odeg gewechselt. Äußerlich hat sich für die Bahnreisenden nichts verändert. Da die Odeg ihre bestellten neuen Züge noch nicht geliefert bekam, hat sie sich Loks und Wagen - nicht gerade die neuesten Modelle - bei der DB Regio ausgeliehen. Wie Dieter Doege erklärt, kann der auf Spitzengeschwindigkeiten von 160 Kilometern pro Stunde ausgelegte Fahrplan mit den leistungsschwachen Loks nicht gehalten werden. Hier fehle es an Beschleunigung. Zudem gebe es viel zu wenige Wagen, was zu überfüllten Zügen und damit verbundenen längeren Aus- und Einsteigezeiten führe. Leidtragende der Misere seien die Reisenden, die Unannehmlichkeiten und Unpünktlichkeit in Kauf nehmen müssen.

Nach RUNDSCHAU-Informationen kommen offenbar auch Probleme mit der Schulung von Zugbegleitern der Odeg hinzu. So schildert eine Reisende aus Lübben, dass sie im Zug den Übergang von der zweiten zur ersten Klasse lösen wollte. Die Schaffnerin habe allerdings zugeben müssen, dass sie nicht wisse, wie das funktioniert. Am Bahnhof Lübben gibt es zurzeit nur den Fahrkarten-Automaten, an dem die Zugreisenden Schlange stehen. Bei einem anderen Fahrgast habe sich die Zugbegleiterin bedankt, dass er seinen alten Fahrschein aufgehoben hatte - so konnte sie nachschauen, was sie in ihr Gerät eingeben muss.

Im "Eisenbahnjournal" hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) unterdessen den Fahrplanwechsel als "insgesamt recht gut gemeistert" bewertet. Die Eisenbahnverkehrsunternehmen, so VBB-Chef Hans-Werner Franz, hätten den neuen Fahrplan aufgenommen "und das Ersatzkonzept der Odeg läuft ebenfalls". Das stimme nicht mit den bei pro Bahn vorliegenden Einschätzungen der Fahrgäste überein, hält dessen Landeschef Doege dagegen. Überhaupt sei es vom VBB "blauäugig" gewesen zu glauben, dass zwei Jahre nach dem Zuschlag für die Odeg auf der RE 2-Strecke neue Züge zur Verfügung stehen würden. Aus den Erfahrungen des Talent 2 oder der ICE hätte man wissen können, dass auch das Eisenbahnbundesamt Zeit benötigt, um die Züge zuzulassen. Ein Großteil der von der Odeg bestellten Züge erhielt unter anderem wegen Problemen mit den Bremsen noch keine Zulassung. Ob im Frühjahr - wie von der Odeg angekündigt - die neuen Züge des Berliner Herstellers rollen werden, dahinter steht für Doege noch ein großes Fragezeichen. "Der gute Wille kann den Odeg-Verantwortlichen nicht abgesprochen werden. Aber guter Wille allein reicht nicht", erklärt Doege.

Im Potsdamer Verkehrsministerium werden die Probleme mit dem Ersatzverkehr durchaus kritisch gesehen. Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) sagte in der Vorwoche im Landtag, dass die Odeg ihre vertragliche Verpflichtung nicht erfüllt habe. Für ihn stehe fest, dass nur bezahlt werde, "was gefahren wird". Pro Bahn hält dem Minister entgegen, dass der Zugreisende davon nichts habe. Er müsse für schlechte Leistungen denselben Fahrpreis bezahlen.

Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade räumt zudem gegenüber der RUNDSCHAU ein, dass man schon "verblüfft gewesen ist, dass die Odeg zunächst keinen Plan B zur Hand gehabt hat". Auch für die Schulung des Personals habe es genügend Vorlaufzeit gegeben. Dafür sei allein die Odeg verantwortlich. Das Land Brandenburg, so Schade, könne nur darauf hoffen, dass die Zulassung der neuen Züge bis zum Frühjahr gelinge. Bis dahin müsse auf die Solidarität der Verkehrsunternehmen untereinander gebaut werden.