Auf der Suche nach Glaubensfreiheit machten sich im 19. Jahrhundert auch Sorben auf den Weg nach Amerika. Angeführt wurden die knapp 600 Menschen vom evangelischen Pfarrer Jan Kilian (1811 - 1884). Die sorbische Wissenschaftlerin Trudla Malinkowa hat über ihre Vorfahren geforscht - nun wird sie am 12. November vom Historischen Institut in St. Louis/USA ausgezeichnet. Schon zu DDR-Zeiten sei sie immer wieder auf das Thema gestoßen, berichtet Malinkowa im Interview.

Frau Malinkowa, wann begegnete Ihnen zum ersten Mal die Geschichte der sorbischen Auswanderer?

Wir lebten in den 1980er-Jahren in Gröditz. Mein Mann war Pfarrer in dem kleinen Dorf bei Bautzen. Dort klingelten schon in der DDR immer wieder Australier oder Amerikaner und fragten, ob sie mal einen Blick in die Kirchenbücher werfen dürften. Sie erzählten, dass ihre Vorfahren aus der Gegend stammten und Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Lausitz verließen. Die ersten Auswanderer gingen übrigens nach Australien, aber irgendwann schickte jemand einen Brief, dass es doch nicht so toll in dieser Ecke der Welt ist. So brachen 35 Personen 1853 Richtung Amerika auf.

Und was geschah dann?

Ihre Briefe lösten einen wahren Flächenbrand aus. Sie schrieben, wie einfach man in Amerika Fuß fassen kann. Gleichzeitig verschlechterten sich hier die sozialen Verhältnisse immer mehr. Erst 1830 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft, die 1848er-Revolution löste Ungewissheit aus. Dazu kam, dass in der preußischen Oberlausitz der König massiv in die Kirchenpolitik eingriff, und zum Beispiel die Lutherische und Reformierte Kirche vereinigen wollte. Das ließen sich die Lutheraner aber nicht gefallen. Mit Pfarrer Jan Kilian suchten sie die Glaubensfreiheit in Übersee.

Wie kamen Sie dazu, die Geschichte der Auswanderer und Jan Kilian zu erforschen?
Nach der Wende kam eine Einladung der Wendish Heritage-Gesellschaft nach Austin. Ich war damals schon in der wiedergegründeten sorbischen Wissenschaftsvereinigung Macica Serbska aktiv und so fiel die Wahl auf mich. Ich reiste 1992 erstmals in das Land der sorbischen Auswanderer. Drei Wochen las ich in Archiven, unterhielt mich mit den Nachfahren und atmete die Geschichte ein. Damals ahnte ich nicht, dass ich mich über 20 Jahre immer wieder mit den sorbischen Auswanderern und Jan Kilian beschäftigen würde.

Warum ist Jan Kilian für die Sorben in der Lausitz und die "wendish people" in Amerika so wichtig?
In Amerika wird Jan Kilian als "sorbischer Moses" verehrt, der sein Volk aus der europäischen Unterdrückung in die Freiheit Amerikas führte. In der Lausitz wiederum fehlen zwei seiner Kirchenlieder auf keiner sorbischen Beerdigung. Der Geistliche war eine herausragende, sorbische Persönlichkeit, die gerade in der DDR in Vergessenheit geraten war. Und auch in Amerika nahm er Einfluss auf die Kirchengeschichte. Alle Forschungsergebnisse zu Jan Kilian haben wir 2011 bei einer internationalen Tagung in Bautzen vorgestellt. Die Vorträge sind in dem Buch "Pastor, Poet, Emigrant" zusammengefasst, für das ich nun die Auszeichnung bekomme.

Mit Trudla Malinkowa

sprach Miriam Schönbach