Hier, am Fuße des Ural, wo Europa allmählich in Asien übergeht, unterhält die russische Armee das "Gelände 1203". Bewaffnete Kontrollposten umgeben das Gelände, Soldaten beobachten die seltenen Besucher von Wachtürmen aus. "Gelände 1203" birgt seit Jahrzehnten tausende Tonnen chemischer Kampfstoffe, die grausame Verletzungen beim Menschen anrichten können. Doch mit der Gefahr soll es bald zu Ende gehen: Mit deutscher Hilfe wurde hier eine moderne Anlage zur Vernichtung von Chemiewaffen errichtet, die seit Anfang März im Einsatz ist.
Bis 2012 muss Russland sein Chemiewaffen-Arsenal von 40 000 Tonnen vernichtet haben, so sieht es die 1993 in Moskau unterzeichnete Chemiewaffenkonvention vor. Rund ein Sechstel davon soll auf "Gelände 1203" in Kambarka unschädlich gemacht werden. Deutschland hat den Bau der mehrere Hektar großen Anlage laut Auswärtigem Amt mit knapp 150 Millionen Euro unterstützt. Deutsche Unternehmen waren entscheidend am Aufbau beteiligt.
Unter den gefährlichen Subs tanzen, die in Kambarka gelagert werden, sind 6300 Ton nen Lewisit. Der Giftstoff ähnelt dem im Ersten Weltkrieg eingesetzten Senfgas. Lewisit schädigt die Haut, verteilt sich über die Blutbahn im ganzen Körper und kann bei entsprechender Dosis tödlich sein. Das Lewisit wurde hier seit 1941 in schlecht gesicherten Backsteinhäusern gelagert. Jetzt stehen die Tanks in Lagern mit Weißblechverkleidung, die in den USA entworfen wurden. Der Boden ist mit wasserfesten Abdichtungen bedeckt, falls es ein Leck geben sollte. Die Tanks haben an vie len Stellen rot-violette Punkte - Farbänderungen sollen auf mögliche Probleme hinweisen.
"Sie werden natürlich kein Lewisit zu sehen bekommen", sagt ein russischer Kolonel den Besuchern. Es gehe ja darum, das Mittel von der Luft fernzuhalten. Der Zerstörungsprozess wird von einigen Technikern im Nebenraum über Computer-Bildschirme verfolgt. "Wir können den Prozess jederzeit unterbrechen", sagt der Armeevertreter. Die Giftigkeit der Substanz wird deutlich reduziert, indem das Lewisit in einem Ofen stark erhitzt wird. Dadurch verdunkelt es sich und kristallisiert.
In der Ural-Republik Udmurtien, die mehr als tausend Kilometer von Moskau entfernt liegt, sehen viele die neue Anlage als Chance für die schwache Wirtschaft. Die 1200 Mitarbeiter verdienen im Durchschnitt rund 400 Euro. Die 22-jährige Schulabgängerin Natascha verdient hier 90 Euro als Labortechnikerin. Sie untersucht das Wasser der Flüsse in der Nähe des Werkes, um eine mögliche Verseuchung festzustellen. "Es ist sehr gut, dass wir hier der Welt zeigen, dass mit unseren Chemiewaffen vernünftig verfahren", sagt sie. Aber niemand wisse, was passieren wird, wenn die Arbeit getan ist. Dann ist zu befürchten, dass hunderte Menschen auf einen Schlag arbeitslos werden.