Herr Vesper, welche Stadt ist Ihr Favorit für die Olympia 2020?
Ehrlich, ich habe keinen. Ich habe mehrfach die Präsentationen aller drei Städte gesehen, alle werben mit Leidenschaft und sehr guten Konzepten, die exzellente Spiele versprechen. Vielleicht lag Tokio da wegen der Kompaktheit der Anlagen bislang hauchdünn vorn, aber das ist nur mein persönlicher Eindruck. Es scheint ein sehr enges Rennen zu werden, weshalb die abschließende Präsentation entscheidend sein könnte.

Wird die Lage am Atomreaktor in Fukushima das IOC beeinflussen?
Die fürchterliche Katastrophe hat niemand vergessen. Natürlich muss das Gastgeberland garantieren, dass weder die Athleten noch das Publikum einer Gefahr ausgesetzt werden. Tokios Bewerbung ist gewiss auch dadurch motiviert, Japan und seinen Menschen durch ein positives Gemeinschaftsprojekt wieder etwas Hoffnung zu geben. Das ist sicher ein Teil des Spirits der Bewerbung. Abgesehen davon hat jede Bewerberstadt aktuelle Herausforderungen zu meistern, deshalb ist das Rennen ja auch so eng.

Aber das Krisenmanagement von Japans Regierung muss Sie doch entsetzen - auch als Grüner.
Ja, das tut es auch - seit Beginn der Katastrophe und auch aktuell wieder. Aber dafür darf man nicht die Menschen bestrafen. Olympia ist ein Weltereignis, das die Katastrophe nicht ungeschehen machen, aber zur Verarbeitung und Bewältigung vielleicht einen kleinen Beitrag leisten kann.

Fukushima erhöht die Chancen Tokios?
Nein. Fukushima wird das IOC weder in die eine noch in die andere Richtung beeinflussen. Als sich New York nach dem 11. September um die Spiele beworben hat, ist es auch nicht ausgewählt worden. Die Mitglieder entscheiden nach einem Bündel von Kriterien, wie dem Sportkonzept, Fragen der Nachhaltigkeit, der Zustimmung der Bevölkerung, der Sicherheit und des olympischen Erbes.

Bei der Wahl zum neuen IOC-Präsidenten gilt DOSB-Chef Bach als Favorit. Was zeichnet ihn aus?
Thomas Bach hat Olympia in seiner DNA. Er war selbst erfolgreicher Fechter, ist Olympiasieger. Dazu verfügt er über ein Höchstmaß an sportpolitischer Erfahrung. Im IOC erfährt er durch seine langjährige Tätigkeit als Vize-Präsident, Chef der Juristischen Kommission und zahlreicher Disziplinarkommissionen große Unterstützung und Anerkennung. Bach war es, der 1981 maßgeblich für die Gründung der Athletenkommission gesorgt hat, die die Interessen der Sportler vertritt. Außerdem hat er bereits seit dieser Zeit den Anti-Dopingkampf im IOC, später auch im DOSB seit seiner Gründung 2006 durch Null-Toleranz-Politik aktiv vorangetrieben.

Bachs Kritiker sehen das anders.
Wie kommen Sie darauf? Er ist keineswegs im "Visier" der IOC-Ethikkommission, sie befasst sich nicht mit Thomas Bach, denn er hat sich strikt an die Regeln gehalten. Die Kritik einiger weniger deutscher Journalisten kann ich nicht nachvollziehen. Ebenso ist es absurd, wenn man ihm vorwirft, die Aufklärung der Dopingvergangenheit in Westdeutschland zu behindern. Denn er war es ja, der die jetzt diskutierte Studie überhaupt erst angeregt hat. Ein Thema sind die russischen Homosexuellen-Gesetze. Vertrauen Sie Putin, dass man sich bei den Winterspielen in Sotschi an die olympischen Prinzipien hält?
Wir sind froh, dass sich Putin gegenüber dem IOC bewegt hat. Ich erwarte von ihm, dass seine Garantien und Zusicherungen gelten. Bei der Vergabe der Spiele an Sotschi gab es die umstrittene Gesetzgebung noch nicht. Klar muss sein: Die Grundsätze der Olympischen Charta müssen auch in Russland beachtet werden. Das heißt, niemand darf bei den Spielen und in deren Umfeld wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden.

Mit Michael Vesper

sprach Hagen Strauß