Was ist Xenophobie?
Eine Phobie ist eine übertriebene, unangemessene Angst, in diesem Fall vor Fremden. Erklären lässt es sich vielleicht an der Spinnenphobie: Das ist eine Furcht, die heute in Deutschland nicht mehr nötig ist, denn es gibt hier keine Spinne mehr, die beißt, sticht oder kratzt. Früher war die Angst notwendig, weil Leute noch an Spinnenbissen starben. Wer gebissen wurde, starb und hatte keine Nachkommen. Weil solche Ängste eben auch auf dem Erbwege verbreitet werden, haben wir sie heute noch, obwohl wir sie nicht mehr brauchen. So ähnlich ist das mit der Fremdenangst auch.

Und früher war sie nützlich?
Früher sind wir als Höhlenbewohner in Stämmen organisiert durch die Wälder gezogen. Die Nahrungsmittel waren zu knapp, um für alle zu reichen. Entwicklungsgeschichtlich war es wohl ein Überlebensvorteil, sich zusammenzurotten, den eigenen Stamm zu verteidigen und Mitglieder anderer Stämme zu erschlagen. Auch wenn das heute keinen Vorteil mehr darstellt, werden wir eben mit der überflüssigen Xenophobie, dieser alten Abwehrhaltung, geboren. Normalerweise bemerken wir sie nicht, aber durch die Flüchtlingsströme wird sie reaktiviert.

Was bewirkt diese Aktivierung?
Ein großes Problem der überlieferten Urängste ist, dass sie in einem primitiven Teil des Gehirns entstehen, das keinen Hochschulabschluss hat. Sie lassen sich nur schwer durch die intelligenteren Teile des Gehirns steuern. Das macht es so gefährlich. Natürlich gibt es auch ein paar Vernunftgründe, die für eine Einschränkung der Zuwanderung sprechen, aber die Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen.

Welche Rolle spielt Fremdenangst in der aktuellen Asyldiskussion in Deutschland?
Ich glaube tatsächlich, dass die Xenophobie dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung übergroße Ängste vor dem hat, was auf uns zukommt. Die eher vernunftgesteuerten Menschen betonen die ökonomischen und demografischen Vorteile, wenn junge und arbeitsfähige Menschen in das alternde Deutschland einwandern. Aber das verhallt bei den ängstlicheren Menschen, weil das primitive Angstsystem auf solche Überlegungen überhaupt nicht reagiert.

Und was empfehlen Sie dagegen?
Wenn ich eine Angsttherapie mache, wird immer empfohlen, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Wer Angst vor Hunden hat, muss mit Hunden spazieren gehen.

Wer Angst vor Fahrstühlen hat, muss Fahrstuhl fahren. Nach hundert Versuchen ist klar: Es passiert nichts. Genauso ist das, wenn man mehr Kontakt mit Fremden hat. Das erklärt, warum in Gebieten mit besonders wenigen Ausländern die Angst vor ihnen größer ist. Das gilt für ländliche Gebiete im Osten ebenso wie im Westen. Die Antwort ist also Begegnung, um Vorbehalte abzubauen.

Kann dabei die Politik etwas tun?
Friedliches Zusammenleben kann nicht politisch verordnet werden, das geht immer schief. Wo es möglich ist, sollte die Politik behutsam eingreifen. Wenn sich etwa Schulen nach Herkunftsländern entmischen, dann hat die Politik versagt. Es braucht gesellschaftliche Initiativen von beiden Seiten. Denn nicht nur die Deutschen haben Fremdenangst, das gilt ja für die Flüchtlinge genauso. Manche versuchen oft aus den gleichen Motiven in Deutschland unter sich zu bleiben und nur in ihrer Heimatsprache zu sprechen, statt sich zu integrieren.

Stimmt der Vorwurf, dass Gruppen wie Pegida und Parteien wie die AfD Fremdenangst bewusst für ihre Zwecke nutzen?
Gerade die AfD schreibt sich das auf ihre Fahne. Die Xenophobie wird von den Demagogen schamlos ausgenutzt. Die Rechtsnationalen freuen sich diebisch, dass das Flüchtlingsthema jetzt wieder akut ist, weil es ihnen tatsächlich Zulauf bringt. Es entsteht eine politische Bewegung, in der nicht mehr nur überzeugte Neonazis, sondern auch nicht-radikale Menschen mitmachen. Das zeigt ja auch Pegida. Dabei überlagern sich die irrationalen Fremdenängste mit berechtigten Sorgen, die man den Leuten nicht so einfach nehmen kann, weil in der jetzigen Situation niemand weiß, was passieren wird.

Mit Borwin Bandelow

sprach Franziska Höhnl

Zum Thema:
Professor Borwin Bandelow gilt als einer der weltweit führenden Angstforscher. Er ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Göttingen und hat zahlreiche Bücher verfasst.