Als Daniela Neumann an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen kurz vor 9 Uhr eine SMS mit den Worten "mir geht es gut" bekommt, ist sie verwundert. Sie kann die Nachricht ihrer Tochter Anne nicht einordnen. "Ich war arbeiten und habe dort kein Radio oder Ähnliches", sagt sie. Erst als sie die nächste Nachricht von ihrer Mutter bekommt, in der sie gefragt wird, ob bei Anne alles in Ordnung sei, hört sie sich um. "Als ich die Bilder im Netz sah, wurde mir übel", erzählt die Döbernerin.

Seit vergangenem September studiert ihre Tochter Anne an der Brüsseler Zirkusschule "Ecole supérieure des arts du Cirque" (Esac). Die ehemalige Turnerin möchte in zweieinhalb Jahren ihren "Bachelor of Fine Arts" in der Tasche haben und als Artistin an Varietés und auf Theaterbühnen brillieren. Für diesen Lebenstraum zog die 20-Jährige in die belgische Hauptstadt. Die Terrorgefahr im Herzen Europas hat sie seitdem schon mehrfach zu spüren bekommen. Zum ersten Mal nach den Attentaten in Paris.

Zwei Bombenexplosionen

Sich aus Angst zu verschanzen, kam für sie aber nie infrage. Auch nicht am Tag der Terroranschläge vom 22. März. "Meine Klassenkameraden und ich haben uns am Morgen in der Turnhalle für das anstehende Training aufgewärmt", erinnert sie sich. Sie wunderte sich, dass ihr Trainer nicht zu ihnen kam. Stattdessen rannte er aufgeregt hin und her. Später erfuhr Anne, dass seine Familie am gleichen Tag noch am Flughafen Zaventem ankommen sollte. An dem Flughafen, wo zwei Bombenexplosionen in der Abflughalle mehrere Menschen in den Tod rissen. Die Familie des Trainers hing aber an einem anderen Flughafen fest.

"Nachdem wir von den Terroranschlägen wussten, haben meine Studienkollegen und ich sofort unseren Familien und Freunden geschrieben, dass alles okay ist", erzählt die gebürtige Forsterin.

Doch dann hieß es plötzlich, ein Attentäter sei flüchtig. "Unsere Trainer haben alles dichtgemacht, niemand durfte nach draußen." Einige Stunden später wurden Turnhalle und nebenstehende Schule, die sich im Stadtteil Auderghem befinden, schließlich evakuiert. Die Metro-Station Maelbeek, an der ebenfalls ein Sprengsatz hochging, ist nur knapp drei Kilometer davon entfernt.

Anti-Terror-Protest im Park

"Wir sollten alle nach Hause gehen", sagt Anne, die fußläufig von ihrer Schule entfernt wohnt. Panisch war weder sie noch jemand ihrer Studienkollegen. "Wir waren eher verägert, dass das Training ausfällt", erzählt sie.

Auch in einer anderen Sache waren sie sich einig: "Von den Terroristen wollen wir uns nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen." Deshalb ging sie gemeinsam mit 20 Studenten in den nahegelegenen Park. "Es war wie in zwei verschiedenen Welten", sagt die 20-Jährige. "Das Wetter war total schön, Eltern sind mit ihren Kindern spazieren gegangen, wir haben auf der Wiese Musik gehört."

In dem friedlichen Viertel Auderghem haben nur die vielen dröhnenden Sirenen die Normalität durchbrochen. "Wir waren im Park, um eben nicht Angst zu bekommen durch zu vieles Nachdenken", erklärt Anne. Erst am Abend hat sie sich intensiv damit beschäftigt, was in der belgischen Hauptstadt passiert ist. Und mit den Reaktionen darauf. "Es ist ganz schlimm, wenn solche Vorfälle ausgenutzt werden, um Vorurteile gegen Muslime zu schüren", bemerkt die Artistin, die in Brüssel selber mit einer Muslimin zusammenwohnt.

Militär an Metro-Stationen

Schon am nächsten Tag war ihre Schule wieder geöffnet, genau wie alle Geschäfte im Viertel. Die Metro blieb noch gesperrt, aber Busse sind gefahren.

Anne findet es gut, dass Brüssel schnell in den Alltag zurückgekehrt ist. "Man sollte nicht so viel Angst aufbauen. Die Gefahr kann man zwar eindämmen, aber nicht komplett ausschalten."

Eher für das Sicherheitsgefühl der Menschen als für die Sicherheit an sich stehe nun überall Militär an den Metro-Stationen, sagt Anne. Als sie am Osterwochenende von einem Flughafen außerhalb Brüssels nach Hause flog, musste sie selber durch ungewohnt viele Sicherheitskontrollen. Schon am Eingang musste sie sich ausweisen und ihr Gepäck vorzeigen. Anders als sonst war es, aber unsicher habe sie sich nicht gefühlt.

Schon in einer Woche wird sie der Heimat wieder den Rücken zukehren, um in Brüssel weiter an der Verwirklichung ihres Lebenstraums zu arbeiten.

Zwar will sie jetzt "mit offeneren Augen" durch die belgische Hauptstadt gehen, Angst hat sie dabei aber nicht im Gepäck. "Den Gefallen werde ich denen nicht tun."

Zum Thema:
Knapp zwei Wochen nach den Anschlägen ist erstmals wieder eine Passagiermaschine vom Brüsseler Flughafen gestartet. Der bei Selbstmordattentaten beschädigte Airport wurde am Sonntag massiv von Sicherheitskräften geschützt. Sie kontrollierten Passagiere bereits vor Betreten des Terminals. Die Außenkontrollen hatten die Gewerkschaften der Flughafenpolizei durchgesetzt.