Es ist eine deutsch-polnische Erfolgsgeschichte: Seit zehn Jahren gibt es einen Partnerschaftsvertrag zwischen dem Land Brandenburg und der Woiwodschaft Großpolen. Doch gerade in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bleiben viele ungenutzte Chancen.

Morgens um sechs ist der Warschau-Berlin-Express noch leer. Nur wenige Reisende steigen in den Schnellzug, um vom Berliner Hauptbahnhof ins Nachbarland zu fahren. Knapp drei Stunden dauert es, bis die weißen Waggons mit dem blauen Zierbalken unter den Fenstern ihren Weg in die westpolnische Metropole Posen gefunden haben. "Die Verkehrsverbindungen könnten besser sein", sagt Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Zusammen mit dem Marschall von Großpolen, Marek Wozniak, steht er auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz der tausendjährigen Stadt: Gestern nämlich begingen das Land Brandenburg und die Woiwodschaft Großpolen das zehnjährige Jubiläum ihres von Matthias Platzeck 2003 ausgehandelten Partnerschaftsabkommens. Sechs Minister und zahlreiche Landtagsabgeordnete waren deswegen an die Warthe gereist. "Für die Beziehungen mit Polen hat das Abkommen eine belebende Wirkung gehabt", sagt Woidke. "Wir haben sehr viel erreicht, es sind Freundschaften entstanden", sagt Wozniak. Mittlerweile unterrichtet eine Lehrerin aus Lauchhammer an einer Schule in Posen. Es gibt eine Zusammenarbeit zwischen der Viadrina und der Universität Posen. Und sogar die freiwilligen Feuerwehren aus Brandenburg und Großpolen unterzeichneten gestern einen Vertrag über eine Partnerschaft in der Ausbildung und Zusammenarbeit im Katastrophenfall. "Es ist aber auch noch viel Arbeit da."

Großpolen ist eine Boomregion

Zum Beispiel in den Wirtschaftsbeziehungen: Mit rund 400 000 kleinen und mittelständischen Unternehmen, die jährlich Produkte im Wert von 14 Milliarden Euro exportieren, ist Großpolen eine Boomregion, berichtet die Leiterin des Brandenburger Partnerschaftsbüros, Angelika Menze. Es gebe eine gute Zusammenarbeit im Tourismus, verbesserungsfähig sei dagegen der Absatz regionaler Produkte. "Bei unseren Sommerfesten sind die Spreewaldgurken extrem beliebt, aber in den Läden gibt es sie kaum." Die Leiterin des seit dem Jahr 2000 bestehenden, offiziellen Verbindungsbüros des Landes in Poznan hofft auf ein stärkeres Engagement von Regionen wie der Lausitz: "Polen kann zu einem wichtigen Markt für Brandenburger Produkte werden", sagt Menze. "Posen ist eine sehr junge Stadt, die Leute sind hungrig auf neue Erfahrungen, flexibel und engagiert."

Und auch Unternehmer aus der Region wünschen sich eine intensivere Zusammenarbeit. "Die Firmen aus Großpolen sind mittlerweile weltweit auf den Märkten vertreten", sagt Henryk Judkowiak, Direktor des großpolnischen Kapitalklubs und Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer Posen. Gerade im Bereich der Lebensmittelbranche, der Automobilzulieferer oder der Bauindustrie könnte es mehr Kooperation mit Brandenburger Unternehmen geben, um dann etwa im arabischen Raum gemeinsam aufzutreten. Und der aus Berlin und Schön eiche stammende Tischler Gerold Voss, der nach der Wende einen Herstellungsbetrieb für Holzfenster in Posen eröffnete, träumt von Auszubildenden aus Deutschland, die bereit sind, für einige Zeit in Polen zu arbeiten. "Hier wollen alle jungen Leute nur noch studieren", sagt Voss. "Wenn jemand käme, der im Handwerk arbeiten will, fände er sofort einen Job." Ein Problem für deutsche Unternehmen, die nach Polen exportieren wollen, sei allerdings das schlechte Kursverhältnis zwischen Zloty und Euro: Deutsche Produkte seien auf dem polnischen Markt oft schlicht zu teuer, sagt Voss.

Auszeichnung für Platzeck

Einen Ausbau der Kontakte nach Polen will auch die SPD-Landtagsfraktion forcieren, die gestern in Poznan mit einer Klausurtagung begann. "Unser Partnerschaftsbüro in Posen ist entschieden zu gering ausgestattet", sagt der Fraktionsvorsitzende Klaus Ness. "In Polen herrscht mittlerweile eine große wirtschaftliche Dynamik mit einem lebendigen Mittelstand, der sich immer stärker auf die Region Berlin-Brandenburg ausrichtet." Hier müsse das Land sein Engagement deutlich erhöhen.

Doch gestern Abend wurde zunächst einmal gefeiert: Während ein gut besetzter Warschau-Berlin-Express den modernen Bahnhof von Poznan verließ, dankte die Woiwodschaft Großpolen dem früheren Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Mit dem Orden für besondere Verdienste um die Woiwodschaft Großpolen zeichnete das Nachbarland den Mann aus, dessen Dialogbereitschaft Wozniak zufolge den Partnerschaftsvertrag erst ermöglicht hat. Und damit die Grundlage für eine deutsch-polnische Erfolgsgeschichte legte.