Herr Kimura, was fasziniert Sie als Japaner an dem deutsch-polnischen Thema?
Dafür gibt es ein japanisch bedingtes und ein universelles Interesse. Japan hat mit allen Nachbarn Schwierigkeiten. Einen Rahmen wie die EU, in dem man sich länderübergreifend engagieren kann, gibt es nicht. Mich hat interessiert, wie sich die nachbarschaftlichen Beziehungen innerhalb der europäischen Integration entwickeln. In meinem Fach, der Soziolinguistik, geht es um die Frage, wie begegnen sich Leute mit unterschiedlichen Sprachen. In dieser Region ist die Grenze historisch gesehen relativ neu. Es gibt keine historisch gewachsene Zweisprachigkeit. Wie man hier die Sprachbarriere überwindet, verdient besondere Aufmerksamkeit.

Wie verständigen sich Deutsche und Polen. Was haben Sie beobachtet?
Durch die offene Grenze sind Kontakte im Alltag möglich. Überraschend für mich war, dass es vielmehr Kontakte über die Grenze gibt, als ich dachte. Mir geht es um die Sprachwahl dabei und deren Sinn. Sprache ist nicht nur ein Instrument, das man benutzt. Sie hat auch Auswirkungen auf die Kommunikation und beeinflusst Beziehungen. Vorwiegend verständigt man sich auf Deutsch, mittels Dolmetscher oder auf Englisch. Diese drei Formen haben jeweils Vorzüge und Nachteile. Für ein gutes Miteinander ist es vorteilhaft, sich dessen bewusst zu werden. Zum Beispiel muss ein Dolmetscher bezahlt werden. Doch wenn man bedenkt, wie viel Geld und Zeit es kostet, dessen Sprachniveau zu erreichen, dann ist es oft viel günstiger, auf einen Dolmetscher zurückzugreifen.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Sprache des jeweiligen Nachbarn zu lernen?
In meiner Arbeit habe ich vor allem den Aspekt der Arbeitnehmerfreizügigkeit untersucht. In diesem Komplex war Sprache ein zentrales Thema, auch bei Leuten, die sich gewöhnlich nicht mit Sprache befassen, wie Wirtschaftsexperten und Unternehmer. Sie heben immer wieder den sprachlichen Aspekt hervor und sehen Polnisch-Unterricht als Faktor für die Entwicklung der Region. Diese Erwartungen der Wirtschaft sind noch nicht erfüllt. Da fehlt es zum Teil am politischen Willen an verschiedenen Ebenen.

Was schlagen Sie vor?
Schon kleine Kinder könnten stärker mit der Nachbarsprache in Berührung kommen. Das muss kein Unterricht sein, da reichen Begegnungen und alltäglicher Umgang. Mit dieser Grundlage fällt es Erwachsenen dann leichter, die Sprache zu lernen. Deshalb sollten möglichst alle Kinder in der Grenzregion die Gelegenheit erhalten, diesen Standortvorteil nutzen zu können. In der Schule könnte dies auch mit Projektarbeit fortgesetzt werden. Auf polnischer Seite wird nicht vorausgesetzt, dass die Deutschen Polnisch sprechen. Doch es kommt an, wenn man Respekt und Annäherung signalisiert. Es lohnt sich also, Polnisch zu lernen, auch wenn die Deutschkenntnisse auf polnischer Seite verbreiteter sind.

Wie sollten sich Polen und Deutsche verständigen, wenn sie nur ein paar Brocken der anderen Sprache beherrschen?
Man kann durchaus mit diesen paar Brocken anfangen. Oft reichen einige Schlüsselwörter schon aus. Wenn man einigermaßen mit der Partnersprache vertraut ist, könnte jeder in seiner Sprache sprechen - man versteht sich trotzdem. Hintergrund ist, dass man ja passiv mehr Sprachkenntnisse hat als man aktiv beherrscht. Das geht mit viel weniger Aufwand, als wenn man sich in der Sprache des Nachbarn ausdrücken würde. Mit Englisch kann man sich zwar mehr oder weniger verständigen, findet aber keinen Zugang zu dem gesamten Umfeld.

Mit Goro Christoph Kimura sprach Steffi Prutean, dpa