Am Tag danach ist alles anders. "Normalerweise würden Sie jetzt dreimal so viele Pendler sehen, da wäre hier alles rappelvoll", sagt der Bahnmitarbeiter an Hannovers Hauptbahnhof. Doch nach der Terrorwarnung, die am Vorabend zur Absage des Fußballspiels Deutschland-Niederlande geführt hatte, geht die Angst um an einem der wichtigsten Bahn-Verkehrsknotenpunkte in Deutschland. Morgens um 7 Uhr schauen viele Pendler mit gemischten Gefühlen auf schwer bewaffnete Polizisten, die in den Bahnhofshallen patrouillieren.

"Ich habe das Gefühl, dass der Bahnhof leerer als sonst ist, ich vermute, dass viele Pendler aufs Auto ausgewichen sind", sagt die Lehrerin Sarah Dreiwes aus Hannovers Südstadt.

Für die 29-Jährige, die täglich mit dem Regionalzug zu ihrer Arbeitsstätte fährt, verändert sich durch die Terrorwarnung vom Vorabend auch ihr Verhalten. "Durch die eingetretene Verunsicherung handle ich plötzlich bewusster", sagt sie.

Einen Varieté-Besuch mit ihrer Mutter am kommenden Montag überlegt sie sich jetzt zweimal. Auch den Besuch des Weihnachtsmarkts: "Lieber unter der Woche Geschenke kaufen als am verkaufsoffenen Sonntag, wenn es große Menschenansammlungen gibt."

"Ich habe Angst", gibt die Ghanaerin Hotau Afia unumwunden zu. "Ich habe auf BBC gehört, was passiert ist; das Misstrauen ist plötzlich da", sagt die 45-Jährige, die nach eigenen Angaben nun aufmerksamer als sonst ihr Umfeld beobachtet. "Es ist traurig, aber man fühlt sich plötzlich schutzlos", gibt ein anderer Bahnfahrer zu, der selbst als langjähriger, treuer Fan des Bundesligisten Hannover 96 künftig erstmals bei Stadionbesuchen pausieren will.

"Es ist jetzt halt nichts mehr normal", bringt es Christina Egger auf den Punkt, die an diesem Mittwochmorgen zu einer Projektbesprechung unterwegs ist. Die medizinisch-technische Assistentin nimmt die starke Polizeipräsenz im Hauptbahnhof als "beruhigend" wahr. "Die ist auch durchaus angemessen", sagt der Bremer Horst Möller. Ihn plagen allerdings auch Zweifel. "Ich habe mich schon gewundert, dass der Bundesinnenminister keine konkreten Angaben zu den konkreten Hinweisen für die Gefährdungslage genannt hat", sagt der 64-Jährige. Der IT-Spezialist vermutet: "Ich habe mitunter das Gefühl, dass aus politischen Gründen bewusst Verunsicherung geschaffen wird."

Viele Pendler äußern sich jedoch fast schon trotzig: Dem Terror die Stirn bieten, Solidarität zeigen, heißt das Gebot der Stunde. Dieses Motto wird auch wenige Hundert Meter entfernt an Hannovers zentralem Platz Kröpcke propagiert.

Nach den blutigen Anschlägen in Paris war dort zunächst nur die nach Frankreich weisende Spitze einer in den Boden eingelassenen Windrose mit Blumen und Kerzen geschmückt. Mittlerweile zieren Zettel, Karten oder Blumen alle Himmelsrichtungen - für Terroropfer in Paris, aber auch Syrien, dem Libanon und anderen Krisengebieten.