Herr Wittig, Deutschland möchte einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Wie wichtig ist der Rat überhaupt noch?

In diesem Jahr haben wir erlebt, wie sehr die Umwälzungen in der arabischen Welt den Sicherheitsrat wieder in das Zentrum der internationalen Politik gerückt haben. Sie waren Katalysator für eine wiedererstarkte Rolle des Sicherheitsrates: Wenn es um Fragen über Krieg und Frieden geht, dann ist er das entscheidende Gremium.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Wir sind Teil einer globalen Verantwortungsgemeinschaft: Es gibt keinen Konflikt, der nicht auch Deutschland in der ein oder anderen Form angeht. Es ist unser Interesse, zu einer friedlichen Welt beizutragen. Wir hatten und haben daher den Anspruch, uns bei allen Krisen und Konflikten konstruktiv einzubringen und Lösungen mitzugestalten. Diesem Anspruch sind wir im vergangenen Jahr gerecht geworden, sicher auch Dank eines leistungsfähigen Auswärtigen Dienstes mit globaler Präsenz – insbesondere in den Krisenregionen. Zudem haben wir wichtige Wegmarken setzen können, etwa bei der – keineswegs unstrittigen – Klimadiplomatie oder beim Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten.

Wird Deutschland so ernst genommen wie zum Beispiel Frankreich oder Großbritannien?

Deutschland ist kein ständiges Mitglied im Sicherheitsrat. Das macht natürlich einen Unterschied. Aber wir gelten hier als eine der wichtigsten Stimmen Europas und als eine der führenden Industrienationen der Welt. Und schauen Sie sich zum Beispiel Afghanistan an: Hier wurde uns – als einzigem nichtständigen Mitglied – die Federführung für ein Regionaldossier übertragen. Das zeigt schon, dass man unser Engagement ernst nimmt. Dazu kommt, dass wir kein koloniales Gepäck tragen – was uns hier in New York manchesmal das Brückenbauen erleichtert.

Mancher sagt, Deutschland sei ein guter Partner, aber fast schon zu kooperativ – eigene Akzente würden vermisst.

Deutschland verfolgt aus guten Gründen einen grundsätzlich kooperativen Ansatz in der Außenpolitik. Wir wollen multilaterale Problemlösungen stärken, weil die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts von keinem Land und von keiner Regierung allein bewältigt werden können. Unkoordinierte Alleingänge wollen wir nicht, sie würden auch nichts nützen. Aber das heißt nicht, dass wir nicht eigene Akzente setzen.

Mit Peter Wittig

sprach Chris Melzer

Zum Thema:

Zum ThemaDie anerkannt fleißigen Deutschen fallen mit Uneigennützigkeit auf – eigene Akzente werden aber vermisst. Und das große Ziel der deutschen Diplomatie, ein ständiger Sitz im wichtigsten UN-Gremium, bleibt in weiter Ferne. Nawaf Salam, Libanons UN-Botschafter, dessen zwei Jahre im Rat gerade enden, lobt die Deutschen als „immer sehr präsent, immer sehr effizient. Es ist so wichtig, dass Deutschland sein Gewicht in Europa einbringt. Und das wollen wir auch im Sicherheitsrat haben. Aber ich bin da leider sehr pessimistisch.“ Für Irritation hatte Berlin gesorgt, als es dem Einsatz gegen Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi nicht zustimmte und plötzlich nicht neben London und Paris, sondern an der Seite Moskaus und Pekings stand.