Herr Reimann, wie soll ein Rentner verstehen, dass seine Rentenerhöhung im kommenden Jahr durch statistische Effekte spürbar geschmälert wird?
Das ist sicher nicht leicht zu verstehen. Aber es ist nun einmal so, dass bestimmte Daten zeitlich früher zur Verfügung stehen als andere, und die anfänglichen Schätzungen deshalb vom genauen Ergebnis der Rentenanpassung abweichen können. Klar ist aber schon jetzt, dass die Rentenanpassung im Jahr 2016 aufgrund dieser statistischen Umstellung wieder höher ausfallen wird.

Vor allem hochbetagte Senioren wird das kaum trösten.
Bei der Umstellung handelt es sich nicht um einen willkürlichen Eingriff, sondern um Vorgaben der EU mit dem Ziel, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der EU-Länder zu vereinheitlichen. Es geht also um die Anwendung geltenden Rechts.

Nach geltendem Recht werden auch die Renten in Ost und West unterschiedlich berechnet. Ist das noch gerechtfertigt?
Das ist der nach wie vor unterschiedlichen Wirtschaftskraft in den alten und neuen Ländern geschuldet. Die ökonomischen Strukturen sind verschieden, und das wird sich in naher Zukunft vermutlich auch nicht ändern.

Die Rentenangleichung ist also kein Selbstläufer, wie man sich das lange Zeit politisch erhofft hatte ?
Ja. Deshalb muss sich die Politik Gedanken über eine Zusammenführung des unterschiedlichen Rechts machen. Zwar will auch die Bundesregierung eine Angleichung, sie lässt aber offen, was sie genau darunter versteht.

Der lohnbezogene Rentenwert im Osten ist zwar niedriger. Dafür werden die Löhne dort rentenrechtlich höher gewertet, was Nachteile bei Ost-Renten wettmacht. Wie soll man damit umgehen?
Es gibt keinen Königsweg. Sicher wird es Übergangsregelungen geben müssen, zu welchem Zeitpunkt und auf welchem Niveau die Angleichung stattfindet. So stellen sich neue Probleme, wenn der Rentenwert angeglichen wird und alle übrigen Unterschiede auf Dauer bestehen blieben.

Die Bundesregierung will den Übergang in den Ruhestand flexibler gestalten. Eine gute Idee?
Alles, was dazu beiträgt, die Menschen länger im Erwerbsleben zu halten, ist vor dem Hintergrund unserer demografischen Entwicklung zu begrüßen. Wenn das aber dazu führt, dass der Ruhestand nur zu einem früheren Zeitpunkt wahrgenommen wird, dann wäre das im Hinblick auf die Alterung unserer Gesellschaft sicher kontraproduktiv.

Meinen Sie damit eine Teilrente schon ab 60, wie sie die Gewerkschaften wollen?
Grundsätzlich habe ich Verständnis für einen gleitenden Übergang in den Ruhestand, um Menschen, die sonst nicht über 63 hinaus im Erwerbsleben bleiben könnten, durch den vorzeitigen Bezug einer Teilrente genau das zu ermöglichen. Allerdings könnte es dabei auch Mitnahmeeffekte geben. Deshalb bin ich skeptisch.

Seit Juli ist die verbesserte Mütterrente in Kraft. Wie ist da der Stand? Es hieß ja, dass die Rentenversicherung Zeit braucht, um alle Fälle abzuarbeiten.
Bis zum Jahresende sollen alle Mütter die laufende Zahlung in der entsprechenden Höhe erhalten. Komplett erledigt sind bereits jetzt schon 95 Prozent aller Fälle.

Die Rente mit 63 kostet nach Ihren Prognosen mehr als ursprünglich veranschlagt. Was heißt das für die Rentenkasse?
Es geht hier um die zeitliche Verteilung der Rentenausgaben. Die Bundesregierung hatte für den Anfang etwas geringere Kosten vorausgesagt und später etwas mehr, als es die Rentenversicherung vermutete. Nun scheint sich unsere Annahme zu bestätigen. Unabhängig davon sind wir nach wie vor der Auffassung, dass die abschlagsfreie Rente mit 63 über Steuern finanziert werden sollte, weil der verbesserten Leistung keine Beiträge gegenüberstehen.

Mit Axel Reimann

sprach Stefan Vetter