Frau Münch, wie sinnvoll ist die Unterbringung von Jugendlichen in geschlossenen Heimen?
Ich bin von der Unterbringung in geschlossenen Einrichtungen nicht hundertprozentig überzeugt. Aber ich habe mir von Fachleuten glaubwürdig erklären lassen, dass es eine kleine Gruppe von Jugendlichen gibt, für die es wichtig ist, dass ihnen Grenzen gesetzt werden. Für die es wichtig sein kann, eine gewisse Zeit geschlossen untergebracht zu werden. Aber genau in dieser Frage: "Brauchen wir die geschlossene Unterbringung wirklich?" hoffe ich auch auf Antworten der Untersuchungskommission, die wir für die "Haasenburg"-Heime eingesetzt haben.

Das Landesjugendamt hat in den "Haasenburg"-Heimen seit 2010 nur eine unangemeldete Kontrolle durchgeführt. Was bringen angemeldete Kontrollen?
Auch angemeldete Kontrollen bringen eine Menge. Bei Kontrollen ist das Gesamtbild entscheidend - da geht es um Gespräche mit Jugendlichen und Mitarbeitern, um Akteneinsicht, um Rückmeldungen aus den kommunalen Jugendämtern. Zudem gilt es immer abzuwägen, ob und welche Kontrollen den Interessen der Jugendlichen gerecht werden. Aber klar ist auch: Wir werden prüfen müssen, ob in der Heimaufsicht künftig mehr unangekündigte Kontrollen notwendig sind.

Reicht es aus, wenn nur drei Mitarbeiter für die Kontrolle von 400 Jugendhilfeeinrichtungen zuständig sind?
Es ist noch zu früh, um diese Frage abschließend zu beantworten. Bislang war es so, dass bei Bedarf immer auch andere Mitarbeiter hinzugezogen werden konnten, wenn es Probleme gab. Ob das bei einem geschlossenen Betreuungsangebot, wie bei den "Haasenburg"-Heimen, aber ausreicht, werden wir uns noch mal genau anschauen. Angeblich wusste das Jugendamt immer über alles, was in den Heimen geschah, Bescheid.

Warum jetzt diese Aufregung?
Die Fülle und Schwere der Vorwürfe, die wir in diesen Tagen hören, ist neu und haben mich sehr betroffen gemacht. Zum Teil handelt es sich um alte Vorfälle. Bei vielem von dem, was der "Haasenburg" nun vorgeworfen wird, hat das Landesjugendamt schnell reagiert, Auflagen erteilt und neue Regeln durchgesetzt. Vielen Vorwürfen ist man damals zeitnah nachgegangen. Um so mehr erschreckt die Wucht, mit der das heute hochkommt. Es geht jetzt um die Klärung der Fragen, was tatsächlich passiert ist, wer welche Verantwortung trägt und ob wir die Praxis unserer Heimaufsicht verändern müssen.

Vieles beim Thema "Haasenburg" hängt an der Frage der Glaubwürdigkeit. Für wie glaubwürdig halten Sie die Vorwürfe der Jugendlichen aus der "Haasenburg"?
Ich habe keinerlei Grund, die Berichte der Jugendlichen grundsätzlich anzuzweifeln. Aber um die Berichte zu bewerten, muss ich wissen, was konkret passiert ist, in welchem Zusammenhang das geschehen ist, und wer der Verursacher ist. Ich weiß, dass es immer mehrere Sichtweisen auf die Dinge gibt, ich weiß auch, dass es anhand der Akten eine andere Darstellung geben kann. Ich finde es deswegen sehr wichtig, dass wir uns eine objektive Sicht auf die Dinge verschaffen. Aber nochmal: Es gibt allen Grund, die Berichte der Betroffenen ernst zu nehmen.

Wie kann sichergestellt werden, dass Jugendliche aus den Heimen künftig Gehör finden?
Es ist ja nicht so, dass die Jugendlichen bislang überhaupt kein Gehör gefunden hätten. Die Jugendämter, die Kinder und Jugendliche in die "Haasenburg"-Heime entsenden, kümmern sich regelmäßig um sie. Wenn es irgendwelche Hinweise gibt, wird denen natürlich nachgegangen. Aber ganz wichtig ist es mir, dass es künftig einen unabhängigen Ansprechpartner gibt, an den sich die Jugendlichen aus den Heimen jederzeit wenden können. Und diese Vertrauensperson darf mit den Heimbetreibern nicht identisch sein.

Mit Martina Münch

sprach Benjamin Lassiwe