Herr Professor Stopp, warum zieht es Experten für schwimmende Bauten immer wieder hierher in die Lausitz?
Wir haben hier in der Lausitz eine große, künstliche Seenkette mit Kanalverbindungen geschenkt bekommen - das ist europaweit einmalig. Für uns als Wissenschaftler kommt hinzu, dass die Tagebauseen meist bedeutend tiefer als natürliche Seenlandschaften sind, eine unterschiedliche Wasserchemie besitzen und zum Teil spezifische Uferprofile aufweisen. Damit eignen sie sich besser für unterschiedlichste Versuche. Das hat Fachleute über Deutschland hinaus aufmerksam gemacht.

Sie sprechen von einem einmaligen Experimentierfeld von europäischer Dimension. . .
Ja, diese Einschätzung hat unsere jüngste Fachtagung in Großräschen bestätigt. Und für uns war es vor mehr als zwei Jahren Anlass, das Institut für schwimmende Bauten an der damaligen Hochschule Lausitz zu gründen. Mit Dr.-Ing. Peter Strangfeld an der Spitze werden unter Einbindung der Fachgebiete Baustoffe, Bauchemie, Bauwirtschaft, Architektur und Infrastruktur sowie der Ausgründung GS Baugesellschaft mbH die Forschungen ständig weiter ausgebaut. Denn die internationale Konkurrenz auf diesem zukunftsträchtigen Feld schläft nicht.

Das Institut forscht nicht nur fürs Seenland. Warum wächst das weltweite Interesse an Schwimmbauten?
Wer den letzten Weltklimabericht gelesen hat, der weiß, dass nicht nur der Meeresspiegel steigt, sondern dass sich der Anstieg sogar beschleunigt. Auch wenn die Prognosen über Größenordnungen schwanken: Es reichen vielerorts schon 30 oder 40 Zentimeter, um den Rückstau in Flüssen zu forcieren. Damit werden nicht nur Gebiete auf den Malediven und in Südostasien von Hochwasser betroffen sein, sondern auch solche, die sich heute noch im Trockenen wägen. Wohnen auf dem Wasser könnte in naher Zukunft noch mehr zum Alltag gehören. Dafür braucht es bezahlbare Lösungen.

Wie spiegelt sich das Interesse an den Lausitzer Forschungen wider?
Unter anderem darin, dass sich eine Doktorandin aus Vietnam für die BTU entschieden hat. Sie wird am 1. Januar 2015 bei uns mit dem Doktorand beginnen - zum Thema schwimmende Bauten. Ihr geht es darum, die Zukunft des heute schon vorhandenen Wohnens auf dem Mekong auf eine neue Basis zu stellen. Dass die junge Frau aus Hanoi auf uns gekommen ist, zeigt, dass wir offenbar selbst im fernen Vietnam nicht so unbekannt sind. Und, dass die TU Kaiserslautern von uns numerische Simulationen und entsprechende Tests auf dem Partwitzer See für neu entwickelte Wärmeübertrager durchführen lässt, spricht für sich.

In Großräschen haben Sie sich erneut mit Verwaltungsvorschriften für Schwimmbauten befasst. Gibt es hier noch immer Zulassungsprobleme?
Leider schläft die Verwaltung bei diesem Thema noch immer. Offenbar wird noch immer nicht der enorme Bedarf erkannt. Regelmäßig verzweifeln Investoren und auch Kommunen im Seenland und anderswo daran, dass schwimmende Bauten explizit im Baurecht nicht vorkommen. Es fehlt die Definition des Unterschiedes zwischen einem Haus-Boot, einem Schiff und einem schwimmenden Haus. Und auf dem Partwitzer See, durch den die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen verläuft, treffen wir seit Jahren auf das Kuriosum: Hier wird nach Wasserrecht und dort nach dem Baurecht entschieden.

Was muss sich ändern?
Es müssen klare Regelungen und Vorschriften her. Das haben wir übrigens schon zu Zeiten der Internationalen Bauausstellung in der Lausitz von 2000 bis 2010 gefordert. Potenzielle Investoren dürften nicht im Behördendschungel scheitern. Auch hier stehen wir im internationalen Wettbewerb. Und ein Blick in die Niederlande zeigt, dass dort viel pragmatischere Entscheidungen gefällt werden. Wir wollen das nicht kopieren. Aber zumindest brauchen wir klare gesetzliche Regelungen über Landesgrenzen hinweg.

Es wird viel vom Alleinstellungsmerkmal gesprochen, wenn es um die Forschungen an Schwimmbauten im Seenland geht. Worin besteht das Einmalige?
Es gibt im Lausitzer Seenland mit dem Wohnhafen Skado, der schwimmenden Tauchschule und dem Partwitzer Schwimmhaus unterschiedliche Lösungen, an denen weiter geforscht werden kann. Wir haben eine Boje installiert, die Wasserwellenparameter misst, und werden im Hafen von Großräschen einen Versuchsplatz erhalten. Auch forschen wir an Materialien, haben schwimmende Betonelemente zu Wasser gelassen. Und es geht um die bessere Nutzung des energetischen Potenzials für die Gebäude auf See. Das Alleinstellungsmerkmal besteht aus meiner Sicht darin, dass im Seenland diese Vielfalt für Forschungen zur Verfügung steht. Das gibt es anderswo nicht.

Welche Perspektiven haben Schwimmbauten in der Region und für die Lausitz?
Es mag etwas hart klingen: Aber in der Lausitz nutzen wir als Forschungsinstitut das Wohnen auf dem Wasser, um an den schwimmenden Bauten zu lernen, zu experimentieren. Ziel muss es sein, eine kostengünstige Lösung zu finden, woraus sich Häuservarianten mit Zubehör für den Export entwickeln lassen.

Das heißt, die jetzt im Seenland schwimmenden Häuser werden nicht zum Exportschlager?
Sie sind sicher noch zu teuer. Aber wir experimentieren beispielsweise gemeinsam mit der Wilde Metallbau GmbH aus Finsterwalde daran, den Ponton aus industriellen Halbzeugen zu fertigen - etwa aus Rohren. Und wir müssen darauf achten, dass die Kulturen in jenen Regionen der Welt berücksichtigt werden, die wir erreichen wollen. Auf den Philippinen, im südostasiatischen Raum wird am Baustoff Bambus kein Weg vorbeigehen.

Kann dies das Institut für schwimmende Bauten allein leisten?
Diese Aufgabe kann nur interdisziplinär geschultert werden. Für mich ist zudem die Überlegung nicht so fern, an der neu gegründeten BTU Cottbus-Senftenberg einen Lehrstuhl für schwimmende Bauten zu installieren. Damit würden einerseits Studierende aus aller Welt angezogen. Andererseits könnten Forschungen beschleunigt, Partner in Österreich, Schweden, Polen und den Niederlanden noch effektiver einbezogen werden. Im kommenden Sommersemester wird es zunächst eine viermodulige Weiterbildung unter Federführung des Institutes im IBA-Studierhaus Großräschen geben.

Schwimmende Häuser aus der Lausitz für die Welt - ist das eher ferne Zukunft?
Keineswegs. Wir sind auf einem guten Weg und haben große Chancen. Allerdings geht es um mehr als Häuser: Wir wollen Know-how für schwimmende Strukturen, für eine funktionstüchtige Gemeinschaft auf dem Wasser vorlegen. Ob Know-how, Fertigteile oder Pontons aus der Lausitz exportiert werden können, muss sich noch erweisen. Aber das ist die Herausforderung, für deren Realisierung - vor dem Hintergrund des Klimawandels - nicht viel Zeit bleibt.

Mit Prof. Horst Stopp

sprach Christian Taubert