Positiv ist zu vermerken, dass die Hochschulen bei der Gestaltung ihrer Leitungsstrukturen demokratischer geworden sind: Universitätspräsidenten und die Dekane der Fakultäten werden inzwischen gewählt, nicht mehr ernannt. Ganz zaghaft entwickelt sich auch eine Kultur der Mitbestimmung und Partizipation durch Studierende, aber diese Prozesse brauchen Zeit.

Das ägyptische Parlament wird derzeit von konservativen Kräften dominiert. Hat das auch Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Nein, bislang hat sich für uns wenig geändert. Auch die jetzige ägyptische Regierung hat ein großes Interesse an der internationalen Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung. Deutschland spielt hier traditionell eine wichtige, ja eine herausgehobene Rolle. Der jetzige Minister für Hochschulen stammt aus der Muslimbruderschaft - auf die enge Kooperation mit dem DAAD und den deutschen Hochschulen hat sich das nicht negativ ausgewirkt. Deutschland wird als verlässlicher Freund wahrgenommen, das wollen wir auch in Zukunft sein. Freilich verlangen wir dies auch von unseren ägyptischen Partnern.

Was für Hoffnungen verknüpfen Sie mit Kooperationen wie der zwischen Helwan-Universität und BTU-Cottbus?
Gemeinsame Masterprogramme haben für den DAAD eine sehr große Bedeutung. Sie sind das, was man auf Neudeutsch eine "win-win"-Situation nennt. Für die deutsche Hochschule ist es eine fantastische Gelegenheit, neue fachliche Netzwerke zu knüpfen und ihre Expertise international sichtbar zu machen. Im konkreten Fall von "Heritage Conservation and Site Management" geht es um Schutz und Management von Kulturerbe, das für Ägypten von ganz herausragender Bedeutung ist.

Der DAAD hat sein Förderprogramm in Ägypten massiv ausgeweitet. Was für Programme unterstützen Sie?
Das Auswärtige Amt hat dem DAAD im Rahmen der deutsch-ägyptischen Transformationspartnerschaft Sondermittel zur Verfügung gestellt, um die demokratischen Reformprozesse im Land zu unterstützen. Mit diesen zusätzlichen Ressourcen kann der DAAD in Zusammenarbeit mit den deutschen Hochschulen in der Tat wichtige Reformimpulse für das ägyptische Wissenschaftssystem setzen. Dies geschieht beispielsweise durch mittelfristig angelegte Hochschulpartnerschaften in allen Disziplinen, durch Kurzfristmaßnahmen wie Sommerschulen, Konferenzen oder Austausche in beide Richtungen.

An der Al-Azhar-University stecken islamische Staaten mehr Geld in Programme. An der als liberal geltenden Helwan Universität sind die Europäer engagiert. Gibt es einen Wettkampf um die intellektuelle Elite von morgen?
Ich denke, das ist eine deutlich zu einseitige Betrachtungsweise. Wir unterhalten mit allen ägyptischen Universitäten zum Teil sehr vertrauensvolle Beziehungen. Dies gilt auch für die Universität Al Azhar, an der seit vielen Jahren durch den DAAD vermittelte deutsche Gastwissenschaftler lehren. Die Al Azhar Universität ist ferner kein Monolith und sieht sich selbst als Hort einer liberalen Ausprägung des Islam. Sicherlich versuchen derzeit viele Akteure in Ägypten, Einfluss zu gewinnen oder auszubauen. Ich halte es aber für falsch, einen Gegensatz zwischen "fundamentalistischen" und "liberalen" Hochschulen zu konstruieren.

Deutschland genießt in Ägypten eine hervorragende Reputation, es ist als Destination für Studierende und Wissenschaftler sehr attraktiv. Wir arbeiten dafür, dass dies so bleibt.

Mit Dr. Michael Harms

sprach Alexander Dinger