In Polen und Tschechien gibt es wenig Verständnis dafür, dass ausgerechnet am einstigen Sitz von Hitlers Eroberungs- und Mordzentrale der nach dem Krieg in die Flucht getriebenen Deutschen gedacht werden soll. Die von der Vertriebenen-Politikerin Erika Steinbach geleitete Stiftung lässt aber nicht locker: Heute eröffnet die CDU-Bundestagsabgeordnete in Berlin eine Ausstellung zum Schicksal jener Millionen Menschen, die im Europa des 20. Jahrhunderts ihrer Heimat beraubt wurden.
Mit der Ausstellung "Erzwungene Wege" - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" rücken der Bund der Vertriebenen und seine Stiftung das Thema in eine europäische Dimension. Das Schicksal der 15 Millionen Deutschen, die unter Zwang die Ostgebiete verlassen mussten, erscheint nicht in hervorgehobener Stellung, sondern als Teil eines europäischen Dramas. Dafür hatte auch immer wieder der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz plädiert, der aus Böhmen stammte und Befürworter eines Vertriebenen-Zentrums war.
Ob Armenier, Jude oder Bosnier - die Geschichte Europas ist auch eine Geschichte von Vertreibung, Flucht und Genozid. Auf 600 Quadratmetern werden im Kronprinzenpalais Unter den Linden bis zum 29. Oktober Beispiele europäischer Schicksale gezeigt - vom Völkermord an den Armeniern 1915 bis 1917 über die Vertreibung der Deutschen bis hin zu den "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien.
Die Vertreibung der Juden Europas ab 1933 wird nach einem Wort des israelischen Historikers Moshe Zimmermann als "Baustein des Holocaust" dokumentiert. Diese Ereignisse sollen jeweils "in ihrem historischen Kontext" dargestellt werden. Die Schicksale sollen nicht verglichen werden, jede Untat sei anders als die vorige Untat, sagte Kurator Wilfried Rogasch. Aber auch von "traumatischen und existenziellen Erfahrungen der Leidtragenden" werde berichtet. Der Verlust von Heimat hinterlässt bei den Opfern tief greifende seelische Schäden. Die Ausstellung will Raum für Gefühle bieten und zeigt Objekte, die von der Flucht zeugen: Die Glocke des 1945 mit rund 9000 Flüchtlingen von der Roten Armee versenkten Dampfers "Wilhelm Gustloff", ein Hutkoffer, das Matchbox-Auto eines nordzypriotischen Kindes, der tschechische Reisepass von Franz Werfel.
Die Ausstellungsmacher wollen "keine Gewichtung der Leiden jedes einzelnen Betroffenen vornehmen", sondern Ralph Giordanos Postulat "Die Humanitas ist unteilbar" als Grundlage ansehen. Für das Projekt hat die Stiftung Wissenschaftler und Publizisten gewonnen, unter anderem die Historiker Arnulf Baring, Lothar Gall und Christoph Stölzl, der Fernsehpublizist Guido Knopp und der frühere Bundesminister Otto Graf Lambsdorff, der einer baltischen Adelsfamilie entstammt.
Bei der Eröffnung werden Bundestagspräsident Norbert Lammert, der ungarische Schriftsteller György Konrad und der frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, sprechen. Zwar befürwortet auch die große Koalition ein "sichtbares Zeichen" zum Gedenken an Vertreibungen in Berlin - allerdings in Zusammenarbeit mit dem 2005 in Warschau gegründeten Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sprach sich dafür aus, die bereits laufende Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" als Grundstock für die Erinnerung an die Vertriebenen zu nehmen. Die Schau, die bis zum 13. August im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist, blickt weniger auf die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Sie zeichnet vor allem die erfolgreiche Integration der Vertriebenen in die Gesellschaft des Bundesrepublik nach.