War der Messerangriff auf eine Berliner Polizistin die Tat eines verwirrten Islamisten oder ein geplanter terroristischer Angriff? Hatten die Behörden den polizeibekannten Rafik Y. nicht im Blick? Gibt es weitere tickende Zeitbomben? Ist die elektronische Fußfessel sinnvoll?

Viele Fragen stellten sich am gestrigen Freitag in der Hauptstadt. Am Donnerstag war der 41-jährige Islamist von einem Polizisten erschossen worden, nachdem er dessen Kollegin mit einem Klappmesser schwer verletzt hatte.

Drei Berliner Orte waren tabu

Nun soll der Fall aufgearbeitet werden. Und es werden immer mehr Details über Rafik Y. bekannt, der zuletzt in Berlin mit der Fußfessel lebte. "Er war ein freier Mann - mit Auflagen", hieß es in Justizkreisen. Er durfte die Stadt nicht verlassen und an drei Berliner Orten, die als Treffs von Islamisten gelten, nicht auftauchen. Darunter auch die Al-Nur-Moschee im Stadtteil Neukölln.

Rafik Y. hatte seine achtjährige Gefängnisstrafe bis zum letzten Tag verbüßt. Nach dem vereitelten Anschlag auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi in Berlin im Jahr 2004 war er als Chefplaner verurteilt worden.

Die Fußfessel sei das einzige Mittel gewesen, um den Iraker überhaupt noch im Blick zu haben, hieß es. Die war vom Gericht angeordnet worden, weil der Entlassene weiter als gefährlich galt.

Vor dem Angriff am Donnerstag hatte er die elektronische Aufenthaltskontrolle selbst entfernt. "Der ist mit Ankündigung aufgefallen", sagen Ermittler. Möglicherweise wollte er die Fußfessel auch abnehmen, damit die Polizei seinen Aufenthaltsort nicht feststellen kann.

Kurz vor neun Uhr wurde der Alarm in der hessischen Überwachungszentrale ausgelöst. Rafik Y. war zu diesem Zeitpunkt noch an seiner Adresse in das Überwachungssystem eingeloggt. Die Kontrollbehörde rief ihn an. Der Islamist sei auch ans Telefon gegangen, habe sich aber so verhalten, dass die Kontrollstelle die Berliner Polizei informierte - die ihn aber nicht mehr zu Hause antraf. Von einem verwirrten Verhalten des Mannes war bei mehreren Sicherheitsbehörden die Rede.

Auch der frühere Verteidiger des Islamisten, Rechtsanwalt Reinhard Kirpes, sagte: "Ich hatte damals den Eindruck, dass er sich in einer psychologischen Grauzone bewegt." Sein Mandant sei hektisch und gehetzt gewesen. "Aus meiner Sicht hatte er einen gewissen Realitätsverlust in der Wahrnehmung."

Hinter vorgehaltener Hand hieß es am gestrigen Freitag bei den Ermittlungsbehörden zu diesem Thema: "Die Grenzen sind wohl fließend". Dass bei dieser dschihadistischen Gesinnung so etwas passieren würde, sei keine Überraschung, war zu hören. Vor der Tat betete der Mann noch auf dem Gehweg, wie Zeugen der Polizei berichteten.

Bisher sprechen weder Polizei, Justiz noch Verfassungsschutz von einem gezielten Angriff mit terroristischem Hintergrund. In Berlin leben laut Verfassungsschutz derzeit etwa 670 Menschen, die den Salafisten, also den ultrakonservativen Islamisten, zuzurechnen sind. 350 von ihnen sind gewaltorientiert.

Polizei fordert Gesetzesänderung

Die Deutsche Polizeigewerkschaft kommt nun mit Kritik. So ein radikalisierter, hochgefährlicher Mann hätte nach der Entlassung aus dem Gefängnis in Sicherungsverwahrung gehört, monierte der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. Nur auf einen unbestimmten Verdacht hin kann in Deutschland aber niemand eingesperrt werden. Wendt forderte daher gesetzliche Änderungen.

Klar ist: Fußfesseln können keine Straftaten verhindern. Allerdings behalten die Behörden damit bestimmte Menschen etwas genauer im Blick. Bundesweit kontrolliert die Gemeinsame Überwachungsstelle der Länder im hessischen Bad Vilbel 74 Menschen mit Fußfesseln, in Berlin sind es zwei.

Erst kürzlich war der jetzt getötete Mann wieder strafrechtlich aufgefallen. Er beschimpfte eine Richterin und bedrohte eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde: "Wir werden Euch köpfen." Die Anklage wegen dieser Fälle war bereits erhoben.