Die Band Rainer von Vielen gibt den Takt vor: "Empört Euch! Denn diese Welt, sie gehört Euch." Bei der ersten großen Protestdemonstration gegen den G7-Gipfel ist das eine Parole, bei der Tausende begeistert mitsingen.

Laut, bunt, fröhlich und engagiert sind die gut 35 000 Menschen, die in München ihrem Unmut über Globalisierung, Kapitalismus, Großkonzerne oder das geplante Freihandelsabkommen TTIP Luft machen. Und über das von der Öffentlichkeit fast vollständig abgeschirmte Treffen der Staats- und Regierungschefs sieben wichtiger Industrienationen im rund 100 Kilometer entfernten Schloss Elmau.

Bunte Kostüme, viele Forderunge n

Doch bei aller Wut - sie bleiben friedlich. "Die Gewalt geht von denen aus, die ein ganzes Areal absperren, die Demonstrationsfreiheit einschränken", ruft einer der Organisatoren in die Menge. Unter sengender Sonne drängen sich die Menschen am Stachus, viele in fantasievollen Verkleidungen. Grün-gelbe Maiskolben leiden unter manipulierten Genen, Bienen sinken zu Boden, benebelt von tödlichen Insektengiften. "Aus Solidarität mit den Tieren, die ein schweres Leben haben werden aufgrund der hohen Pestizidbelastung", erklärt Ute, die als Schmetterling eigens aus Wien angereist ist.

Eine Nürnbergerin hält tapfer im plastikbraunen Hasen-Ganzkörperfell aus, inklusive Ohrenkapuze und Riesenzähnen. Sie verurteilt Genmanipulationen und starke Düngung. "Die Bienen sterben, andere Tiere sterben für uns Menschen. Das ist nicht gut", stellt sie fest. Und eine braun-weiß-gestreifte Biene erklärt: "Die Bienen sind wichtig für uns. Wenn die Bienen sterben, stirbt der Mensch vier Jahre später."

Andere kämpfen für politische Anliegen, gegen Kapitalismus, für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik oder gegen die ungleiche Verteilung von Geld ("Stoppt die gierigen 7").

Während Politiker wie der Bundesfraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, oder der Linken-Politiker Klaus Ernst auf dem Podium vor allem gegen TTIP und andere Handelsabkommen wettern, versucht sich eine Gruppe Äthiopier Gehör zu verschaffen. Ihr Anliegen: "Keine Diktatoren", skandieren sie lautstark. Dazwischen Menschen in bunten Ponchos.

Eine Gruppe fällt besonders auf: Sie haben sich als Sensenmänner verkleidet und eine Hälfte ihrer Gesichter mit Totenköpfen bemalt. "Ernte statt Ende", so ihr Schlachtruf, mit dem sie für die Rechte von Kleinbauern eintreten und gegen Großplantagen und mächtige Exportunternehmen protestieren.

Deutliche Worte findet auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die zum Haberfeldtreiben aufruft, einem rituellen Feldgericht in Bayern, mit dem die Landbevölkerung früher gegen die Obrigkeit aufbegehrte. "17 000 Polizisten brauchen's, um die Politiker vor den Demonstranten zu schützen, dabei täten doch im Schloss die größeren Banditen sitzen", ruft ein Landwirt mit schmutzig-schwarz gefärbtem Gesicht.

Doch vielfältige Anliegen hin oder her - unter der Hitze haben alle zu leiden. Das trifft auch die Polizisten, die in schwarzer Kampfmontur und mit weißen Helmen unterm Arm den Demonstrationsweg säumen. Für sie gibt es Versorgungsstände mit Wasserflaschen. Und auch die Demonstranten werden nicht vergessen.

Lob von der Polizei

Gegen Ende des Demonstrationsweges dreht die Feuerwehr einen Hydranten auf. Klares Wasser sprudelt in einem kühlen Strahl nach oben - und sofort bildet sich eine riesige Traube an durstigen Menschen. Sie füllen Wasserflaschen, lassen ihre Kleidung nass spritzen. So einträchtig ist die Demonstration, dass sogar die Polizei davon angetan ist. "Es ist ein schöner, bunter Zug. Es ist alles friedlich. Das ist schön zu sehen", lobt der Sprecher des Polizeipräsidiums München, Wolfgang Wenger.