In Sekundenschnelle verschwindet eine CD in der Jackentasche. Ladendiebe sind in der Vorweihnachtszeit besonders aktiv.
Claus-Peter Schoppa ist Geschäftsführer des Karstadt-Kaufhauses in Hoyerswerda. Über das Thema Ladendiebstahl redet er öffentlich eigentlich nicht so gern. „Viel wichtiger ist es, vor allem mit jungen Menschen darüber zu sprechen, wo das hinführen kann“ , sagt er. Deshalb gibt es neben der Anzeige bei der Polizei auch für viele Ertappte eine Einladung zu einem Seminar bei Karstadt, in dem über Motive und Konsequenzen des „Einkaufs“ an der Ladenkasse vorbei gesprochen wird.

Eintrag ins Erziehungsregister
Der Hoyerswerdaer Warenhaus-Chef beobachtet alljährlich, dass vor Weihnachten besonders viel unter Pullovern, in Taschen oder in ausgetauschten Warenverpackungen verschwindet. „Da ist schon mancher dabei, der seinen Lieben etwas schenken will, ohne Geld dafür zu haben oder ausgeben zu wollen.“
Ladendiebstahl wird oft als Kavaliersdelikt angesehen, von Kindern und Jugendlichen als Mutprobe für die Clique betrachtet. Nachdem sie erwischt wurden, ist dann die Angst groß. „Meine Freundin und ich wurden beim Ladendiebstahl erwischt. Jenna ist 16 Jahre alt, ich bin 15. Wir haben Schmuck für jeweils 30 Euro geklaut. Mit welcher Strafe müssen wir rechnen?“ , suchte Cäcilia kürzlich per Internet Rat.
Franz-Josef Pfingsten, Sprecher der Cottbuser Staatsanwaltschaft, verweist auf einen brandenburgischen Ministeriumserlass, wonach Ladendiebstahl sehr konsequent zu verfolgen ist. „Bei Jugendlichen sind wir besonders pingelig“ , unterstreicht er, vor allem, um Mädchen und Jungen zwischen 14 und 18 Jahren rechtzeitig einen Schuss vor den Bug zu setzen. Selbst wenn es bei einer Ermahnung bleibt und das Verfahren eingestellt wird, erfolgt eine Eintragung ins bundesweite Erziehungsregister. Erst mit Vollendung des 24. Lebensjahres wird der Vermerk gelöscht, warnt der Cottbuser Staatsanwalt.

Diebstahl konsequent anzeigen
Für Claus-Peter Schoppa ist es Gesetz, jeden Ladendiebstahl anzuzeigen, „Es wäre falsch, ihn selbst bei kleinen Summen zu ignorieren. Diebstahl bleibt Diebstahl und ist zu verurteilen“ , begründet er diese Haltung. Die Schäden seien hoch. „Da kommen immense Summen zusammen“ , sagt er, ohne sich genau festlegen zu lassen. Pro Jahr beliefen sich die Schäden auf viele Tausend Euro, ist ihm lediglich zu entlocken. „Und die sind nicht, wie vielfach angenommen, schon in den Preisen einkalkuliert.“
Die Dunkelziffer gerade bei Ladendiebstahl ist hoch. Günter Päts, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Brandenburg, geht davon aus, dass 90 Prozent der Diebstähle nicht entdeckt werden. Experten schätzen, dass in Deutschland Waren für mindestens 2,5 Milliarden Euro durch Ladendiebe beiseite geschafft werden. „Die Täter kommen aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen“ , weiß Rechtsanwalt Päts. Oft ist es nicht die finanzielle Not, die zur illegalen Warenbeschaffung treibt. Knapp die Hälfte aller gestohlenen Gegenstände aus Einkaufsregalen waren nach Angaben des Bundeskriminalamtes weniger als 12,50 Euro wert. „Unter den Dieben sind viele, die es gar nicht nötig hätten“ , stellt Günter Päts fest.
Besorgnis erregend ist für den märkischen Verbandsfunktionär, dass viele Täter unter 18 Jahre alt sind. Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis (OSL) nahm bei einem insgesamt leichten Rückgang von Diebstahl die Zahl der erwischten Kinder und Jugendlichen zu; bei Kindern bis November im Vergleich zum Vorjahr um 20 auf 192, bei Jugendlichen um 25 auf 441. „Wir haben vor kurzem einen 15-jährigen Jungen ermittelt, auf dessen Konto mindestens 60 Straftaten kommen“ , nennt OSL-Polizeisprecher Peter Boenki ein Beispiel, das so selten nicht ist. Nach BKA-Angaben gibt es nach Ladendiebstahl kaum eine andere Delikt-Art, in der der Kinderanteil und auch die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen höher ist. Jeder dritte Jugendliche gibt nach Umfragen von Forschungsinstituten zu, schon einmal gestohlen zu haben.
Gelegenheit macht dabei oft Diebe, bestätigt Berndt Fleischer, Polizeisprecher für Cottbus und den Spree-Neiße-Kreis. „Stress in der Weihnachtszeit und Menschengedränge werden schamlos ausgenutzt.“ Von den knapp 1200 Taten allein in den November- und Dezembertagen dieses Jahres entfielen knapp die Hälfte auf die Stadt Cottbus. Aber auch in Guben, Spremberg oder Forst wird häufiger gestohlen als auf dem flachen Land.

Lange Hitliste
„Klaurenner“ sind nach Erfahrungen des brandenburgischen Einzelhandelsverbandes Kosmetik, Textilien, Elektro- und Drogerieerzeugnisse. In Supermärkten verschwinden beispielsweise Rasierklingen und Batterien am häufigsten, ohne bezahlt zu werden, in den Taschen der Diebe. Auch Nahrungs- und Genussmittel, Schreib-, Spiel-, Lederwaren und Tonträger sind beliebte Objekte der Begierde.

Nicht den großen Max riskieren
Für denjenigen, der erwischt wird, kann Ladendiebstahl sehr teuer werden. Darauf verweist der Cottbuser Staatsanwalt. Hans-Josef Pfingsten. Eingestellt wegen geringer Schuld werden in Brandenburg nach dem verschärften Ministeriumserlass vom August 2000 nur Ladendiebstähle bei einem Warenwert unter zehn Euro, wenn der Schadensausgleich erfolgte und eine eventuell vom Händler ausgesetzte, angemessene „Fangprämie“ bezahlt ist.
Mit einer Geldbuße muss schon rechnen, wer Waren ab 25 Euro hat mitgehen lassen. Voraussetzung ist, um in solchen Fällen nicht vor Gericht zu landen, dass der Dieb zuvor eine weiße Weste hatte. Mächtig verbrennen könne sich die Finger, so Pfingsten, wer sich durch Vertauschen von Preisschildern etwa die Weihnachtsgans billiger machen will. Der bekommt sofort eine Geldbuße und muss mit einer Anklage wegen Urkundenfälschung rechnen. Ertappte Ladendiebe, so rät der Cottbuser Staatsanwalt, sollten nicht noch den großen Max riskieren, handgreiflich werden und versuchen, mit der Ware zu flüchten. Dann kann aus dem „einfachen“ Fall der geklauten CD oder des eingesteckten Lippenstifts schnell ein räuberischer Diebstahl werden, für den im Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr angedroht ist.