An die 10 000 Menschen folgten am Montagabend dem Aufruf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands". Die schiere Größe dieser Proteste gegen die Einwanderungspolitik des Freistaats zeigt, dass alle Beschwichtigungsversuche der sächsischen Politik nicht fruchten. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) musste am Dienstag einräumen: "Wir erreichen die Menschen nicht." Seit Wochen informiere die Stadt auf öffentlichen Veranstaltungen über die steigenden Flüchtlingszahlen, sagte Orosz am Dienstag auf MDR Info. Die Stadt stehe für Dialog und mache Vorschläge - die aber bei der Masse der Mitlaufenden nicht ankämen.

An die große Masse der Mitlaufenden ist mit den üblichen politischen Mitteln nicht heranzukommen. Deshalb öffnete Innenminister Markus Ulbig (CDU) gestern den Organisatoren von Pegida ein Türchen zum Dialog. Diese müssten sich fragen lassen, ob sie bereit seien, bestehende Informationsangebote anzunehmen, und ob die Straße für den Dialog geeignet sei. "Auf Dauer darf weder von der einen noch von der anderen Seite ein Keil in die Bevölkerung getrieben werden", sagte Ulbig am Dienstag.

Mit Bereitschaft zum Dialog haben sich die Pegida-Macher bislang nicht hervorgetan. Bei den Demonstrationen sind O-Töne der Teilnehmer schwer zu bekommen, denn die werden von den Organisatoren abgehalten, in Kameras zu sprechen.

Einer Diskussionsrunde der Landeszentrale für politische Bildung am vergangenen Mittwoch blieb Pegida fern - offiziell wegen Krankheit. Stattdessen äußert sich Frontmann Lutz Bachmann, eine stadtbekannte Halbwelt-Größe, regelmäßig via Bild-Zeitung. Dort rief er zuletzt seine Leute zum Shoppen nach der Demo auf. Denn Innenstadt-Händler hatten beklagt, die Demos vergraulten ihnen die Kunden.

Ein geschäftsschädigendes Signal geht da von Dresden aus. Und das mitten in der Weihnachtsmarktsaison, wo die Stadt brummt und besonders viele Busse aus der ganzen Republik kommen. Das Signal hat längst die Republik erreicht.

Beifall kommt von der AfD in Brandenburg. Deren Fraktionschef Alexander Gauland kündigte am Dienstag an, er werde die Entwicklung von Pegida "vorsichtig positiv begleiten". Die Demons-tranten hätten recht mit ihrer Angst vor einem "unreformierten Islam", so Gauland.

Inzwischen gibt es auch in einigen anderen deutschen Städten Ableger. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) rief die Parteien zu gemeinsamer Gegenwehr auf. "Wenn auf dem Rücken von Menschen, die gerade alles verloren haben und hilfesuchend zu uns kommen, ausländerfeindliche Stimmung gemacht wird, dürfen wir nicht schweigen." Alle politischen Parteien sollten sich klar von diesen Protesten distanzieren, sagte Maas Spiegel Online.

Doch so einfach ist das in Dresden nicht, teilt sich doch die Menge in ausländerfeindliche Scharfmacher und eben jene vielen Mitläufer, mit denen die Politik weiterhin das Gespräch sucht - wenn auch ohne Erfolg.

Für den Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist das Bild klar. Sachsen habe eben von sämtlichen Bundesländern den größten Anteil von ausdrücklichen Rechten, "also von solchen, die NPD wählen oder sich selbst als rechtsradikal empfinden", so Patzelt. Zudem habe ein mehrheitlich CDU wählendes Land natürlich mehr Rechte als SPD-regierte Bundesländer. "Auch das gibt nicht-linken Protestbewegungen wie Pegida mehr Resonanz."

Klar ist das Bild auch für die Oberbürgermeisterin. Es gehe den Demo-Organisatoren eigentlich nur darum "dass man einfach seinen Frust bei dem Pegida-Lauf ablassen kann", ist Orosz überzeugt.

Am großen Sternlauf, zu dem Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und sein Vize Martin Dulig (SPD) aufgerufen hatten, beteiligten sich laut Polizei 9000 Menschen.

Die Gegendemonstration war von Parteien, dem Ausländerrat, Kirchen und Dresdner Vereinen organisiert worden. Eine breite Front aus Wissenschaftlern, Professoren und Kunstschaffenden schaltete sich mit einem Aufruf ein. Man wendet sich dagegen, dass "Unsicherheiten und latente Angst vor dem Unbekannten und Fremden" missbraucht würden, um mit Pauschalverurteilungen Abneigungen zu schüren. "Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, den Bedrohten und Bedrängten zu helfen", heißt es dort.

Kommentare via Twitter

@lr_online Mit dumm rum labern erreicht man auch nichts! Nur mit Politik, die mit dem Bürgerwillen einher geht! Nur der Bürger bestimmt!

— Razor73 (@Razor73) 10. Dezember 2014