Was war denn so schwierig?
Um die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit haben wir über Stunden gekämpft. Es war kurz vor drei Uhr am 23. August, als ich dann den Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes verlesen konnte. Am 22. August gab es eine reguläre Volkskammersitzung. Doch am späten Nachmittag beantragte Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) eine sofortige Sondersitzung, um den Beitrittstermin zu diskutieren. Das hat einen gewissen Unmut auch der anderen Fraktionen hervorgerufen.

Warum?
Ich hatte im Volkskammer-Präsidium vorgeschlagen, dass wir zunächst mit den Partei- und Fraktionsvorsitzenden einen gemeinsamen Vorschlag zum Beitritt finden. Dazu wollte ich eine Zusammenkunft organisieren.

Das Recht auf eine Sondersitzung hatte de Maizière aber. So folgte ein heftiger Schlagabtausch, mehrmals wurde unterbrochen, die Fraktionen berieten sich.

Die SPD, kurz vorher aus der Regierung ausgetreten, fühlte sich überrumpelt. Die PDS war sowieso dagegen. Doch auch die DSU (Deutsche Soziale Union) - Ableger der CSU und in der DDR-Regierung - wollte nicht zustimmen. Ich drohte dann, wenn sie sich verweigert, werde ich öffentlich machen, dass sie die deutsche Wiedervereinigung verhindert hat.

War der Beitritt der richtige Weg?
Ja. Obwohl der Zeitplan eigentlich ein anderer war. Als wir im Frühjahr 1990 gewählt wurden, gingen wir von einer Übergangszeit von zwei, drei Jahren aus. Doch bald war klar, dass durch die wirtschaftlichen Probleme der DDR und die Entwicklung in der Sowjetunion die Wiedervereinigung schneller kommen muss. Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung war ja auch dafür.

Wie bewerten Sie heute die Arbeit der Volkskammer?
Mit sehr viel Herzblut und Engagement sind die meisten Abgeordneten, die gar keine parlamentarische Erfahrung hatten, angetreten. Das war unglaublich engagiert. Wer weiß, ob wir die Einheit so schnell hingekriegt hätten, wenn wir so abwägend wie heutige Parlamentarier gewesen wären. Doch in den letzten Wochen wurde der Einfluss der West-Parteien immer größer, es gab dann viel Kalkül. Und dass Helmut Kohl Einfluss genommen hat, war aus meiner Sicht gerechtfertigt - er hatte schließlich die Kontakte zu (dem damaligen Kremlchef Michail) Gorbatschow und konnte die Weltlage einschätzen.

Mit Sabine Bergmann-Pohl sprach Jutta Schütz

Zum Thema:
Sabine Bergmann-Pohl wurde am 20. April 1946 in Eisenach geboren. Die Mutter zweier Kinder lebt im brandenburgischen Zeuthen. 1981 trat sie der Ost-CDU bei. Die Fachärztin für Lungenkrankheiten war vom 5. April bis zum 2. Oktober 1990 Präsidentin der DDR-Volkskammer in Ost-Berlin. Von 1991 bis 1998 arbeitete sie als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundes-Gesundheitsministerium.