Der ehemalige CSU-Generalsekretär, wie immer akkurat frisiert und in feines Tuch gehüllt, überfliegt erneut seine Notizen, bevor er mit seinem Nachbarn, SPD-Kassenwart Peer Steinbrück, plaudert. Auf der Tribüne drängeln sich Fotografen. Der Neue steht unter verschärfter Beobachtung. Nicht nur, weil er mit 37 Jahren der jüngste Wirtschaftsminister in der Geschichte der Bundesrepublik ist. Er soll auch das Chaos um den unrühmlichen Abgang seines Vorgängers Michael Glos (CSU) vergessen machen. Die Gelegenheit dafür ist günstig. Denn zur abschließenden Debatte steht nichts Geringeres als das größte deutsche Konjunkturprogramm der Nachkriegszeit. Üppige Investitionen bei den Kommunen, kleine steuerliche Entlastungen, Abwrackprämie, ein einmaliger Bonus für Kinder, mehr Zuschüsse für Qualifizierung und Kurzarbeit - zusammen mit dem bereits im November verabschiedeten Konjunkturpaket I summieren sich die Mehrausgaben auf vier Prozent des Bruttosozialprodukts, wie zunächst Steinbrück den Abgeordneten vorrechnet. Das sind mal eben 100 Milliarden Euro. Wer noch mehr wolle, der solle erst einmal abwarten, bis die Konjunkturmaßnahmen wirken, rät der Bundesfinanzminister. Guido Westerwelle will nicht warten. Er fordert gleich mehr. Für den FDP-Oppositionsführer ist das Regierungspaket lediglich ein "Sammelsurium" ohne größere Wirkung, aber mit einer "unfassbar" langwierigen Schuldenlast. Immerhin prophezeit Westerwelle dem Kabinettsneuling alle Chancen, "ein guter Minister zu werden". Dann ist der Neue dran. Er hat kein ausformuliertes Redemanuskript. Ihm genügen ein paar Seiten mit Stichpunkten. Schon dadurch unterscheidet er sich von seinem Vorgänger Glos, der oft verunsichert wirkte. "Ihre Rede hätte uns gefallen, wenn sie schlüssig gewesen wäre", sagt Guttenberg zu Westerwelle. "Aber sie war es leider nicht." Für diesen Einstieg gibt es Beifall aus der Unionsfraktion. Der Neue widersteht der Versuchung, wirtschaftliche Details zu deklinieren. Das hätte auch unglaubwürdig gewirkt. Stattdessen arbeitet sich Guttenberg an staatstragenden Gedanken ab, hält ein rhetorisch gelungenes Plädoyer für die soziale Marktwirtschaft, geißelt die Nörgler des Konjunkturpakets und wirbt für Zuversicht. "Wir haben eine sehr harte Wirtschaftskrise, aber keine Systemkrise." Dennoch könne man "nicht allein auf die Selbstheilungskräfte" des Marktes "vertrauen". Noch nie habe eine Regierung "so schnell, so konsequent und so entschlossen auf eine Krise reagiert". Da applaudiert auch die SPD. Steinbrück verfolgt die Szene mit ernster Miene. Vielleicht spürt er, dass Guttenberg eine andere Liga ist als Glos. Nur als Guttenberg in alter CSU-Manier spürbare Steuersenkungen in Aussicht stellt, legt sich Steinbrücks Stirn in Falten. Der Kassenwart hatte dies zuvor für unfinanzierbar erklärt. Als Guttenberg wieder Platz nimmt, eilt die Kanzlerin herbei und schüttelt seine Hand. Feuertaufe bestanden, soll das wohl heißen. Selbst Linksfraktions chef Gregor Gysi schlendert in Richtung Wirtschaftsminister, um ein paar freundliche Worte zu verlieren. Bei den Grünen bemängelt man, dass Guttenberg zwar "die Messe der Ordnungspolitik der sozialen Marktwirtschaft" gelesen habe, aber Vorschläge für einen neuen ordnungspolitischen Rahmen vermissen ließ. Fraktionsvize Jürgen Trittin, der Guttenberg "Azubi" geschimpft hatte, relativiert aber schon mal sein Urteil über den Adligen von der CSU: "Er scheint mir ein schnell lernender Azubi zu sein." Die Wirtschaft der Eurozone ist im vierten Quartal stärker als erwartet geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im Vergleich zum Vorquartal um 1,5 Prozent gesunken, teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat am Freitag in Luxemburg auf Basis vorläufiger Zahlen mit. Volkswirte hatten ein Minus von 1,2 Prozent erwartet. Im zweiten und dritten Quartal war die Wirtschaftsleistung um je 0,2 Prozent zurückgegangen. Der Abschwung hat sich damit zum Jahresende deutlich verstärkt. dpa/uf