Herr Kreutzer, Googles kürzliche Drohung an Frankreichs Regierung, französische Medien-Seiten nicht mehr zu verlinken, wenn das geplante Leistungsschutzrecht in Kraft tritt, zeigt die Aktualität der Urheberrechtsdebatte. Wie sieht das in Deutschland aus?
Bisher profitieren Verlage und Suchmaschinen vom kostenfreien Miteinander. Google wird sich gut überlegen, ob es in seinem Portal weiterhin auf Berichte von Verlagsseiten hinweist, wenn es dafür Geld zahlen muss.

Wäre das vom Bundeskabinett verabschiedete neue Leistungsschutzrecht (für Presseverlage) bei Verabschiedung durch den Bundestag tatsächlich ein "wichtiges Signal für den Schutz geistigen Eigentums auch im Internet", wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) erklärte?
Das halte ich für unsinnig. Es ist ein Signal dafür, dass man in Deutschland immer noch nicht verstanden hat, wie das neue Zeitalter funktioniert. In anderen Ländern gibt es so etwas auch nicht. Wenn Informationsdienstleister massenhaft Lizenzen von Verlagen einholen müssen, hätte das gravierende Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Ein riesiger Kosten- und Verwaltungsapparat wäre erforderlich.

Internetnutzer veröffentlichen Medienstudien zufolge immer öfter fremde Musikstücke, Artikel oder Bilder im Web (Facebook, Youtube etc.) - welche Spielregeln sollten sie dabei beachten?
Wenn man ein Werk, das jemand anderes erschaffen hat, online an anderer Stelle veröffentlichen will, braucht man dessen Erlaubnis. Fremde Werke im Netz zu publizieren, ist fast ausnahmslos illegal, wenn man keine Rechte daran hat. Das Urheberrecht ist zu beachten.

Ist das Urheberrecht angesichts einer vorherrschenden Kostenloskultur im Internet noch zeitgemäß, wo gehört es modernisiert?
Menschen nutzen das Internet als Kommunikationsmittel und tauschen Inhalte, was nicht heißt, dass sie alles kostenlos wollen. Das Problem beim Urheberrecht ist, dass es für wenige Experten in Verlagen oder Musikfirmen konzipiert wurde. Heute hat jeder über das Netz die technischen Mittel, als Produzent und Distributor Inhalte mit anderen zu teilen. Das Urheberrecht ist dafür nicht geeignet und auch viel zu komplex, um von Privatpersonen erfasst zu werden. Dieses Recht für Profis muss unbedingt den aktuellen Verhältnissen angepasst werden.

Ist geistiges Eigentum im World Wide Web ausreichend durch anderes geltendes Recht geschützt?
Das Urheberrecht regelt mehr als genug. Es leidet in Zeiten eines revolutionären Medienwandels allerdings daran, dass es im internationalen Kontext sehr schwer durchsetzbar ist. Im Internet können Kriminelle anonym und global, kostenlos mit Inhalte verbreiten, an denen sie keine Rechte haben. Mit dem Urheberrecht allein kann man dagegen nichts machen. Da müssen Staaten bei Ermittlungsarbeiten oder Rechtsprechungen besser zusammenarbeiten.

Welche Möglichkeiten haben Musiker, Künstler oder Journalisten, um ihre erzeugten digitalen Inhalte im Web zu schützen oder gar honorieren zu lassen?
Natürlich ist es legitim zu verhindern, dass geschaffene Inhalte frei verteilt werden. Aber die Herausforderung besteht darin, die Leute dazu zu bringen, für etwas zu bezahlen, was es anderswo umsonst gibt. Dafür muss man dem realen Nutzungsverhalten der User entsprechen und es ihnen so einfach und angenehm wie möglich machen. Der erfolgreiche Musik-Streaming-Dienst "Spotify" beweist, das die Leute durchaus bereit sind, zehn Euro im Monat dafür zu bezahlen.

Sehen Sie seitens der Politik Handlungsbedarf, ein Gebührensystem zum Schutz von Urhebern einzuführen?
Ich glaube, dass es gut wäre, im Urheberrecht mehr auf Gebühren als auf Verbote zu setzten. Wenn an zentraler Stelle effektiver Geld eingesammelt würde, müsste man nicht Millionen von Menschen zu Urheberrechtsverletzern abstempeln. Von dem eingesammelten Geld würden Kreativschaffende und Wirtschaftsunternehmen profitieren.

Wie schätzen Sie die Notwendigkeit von Paid-Content-Modellen hinsichtlich der Sicherung von Qualitätsjournalismus ein?
Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Auf jeden Fall ist die Zeit vorbei, in der nur die reine Information verkauft werden kann, da diese ohnehin frei im Netz verfügbar ist. Journalismus bietet jedoch einen besonderen Mehrwert. Und für hochwertige Inhalte, die andere nicht haben, sind die Leute auch bereit zu zahlen.

Wie können Verlage ihre Produkte Ihrer Meinung nach im Netz am besten schützen?
Das Urheberrecht schützt Verlagsinhalte, nicht jedoch die reine Information. Die Möglichkeiten von Verlagen sind vielfältig. Großverlage setzen auf Mischgeschäftsmodelle, mit verschiedenen Diensten, die Geld bringen. Kleinere Zeitungsverlage könnten sich im Netz künftig mit regionalen Informationen behaupten, da diese kein anderer hat.

Mit Till Kreutzer sprach

Bernhard Schulz

irights.info