Herr Lauterbach, einerseits Überschüsse, andererseits Pleiten. Wie passt das zusammen?

Durch die Kombination aus Einheitsbeitrag und Zusatzbeitrag nehmen einige Kassen mehr Geld ein, als sie benötigen. Andere kommen damit nicht aus, weil sie entweder nur unzureichend effizient sind, oder aber zu viele alte und kranke Versicherte haben. Deshalb gibt es Überschüsse und Pleiten zur gleichen Zeit.

Haben wir es bei den Pleiten nur mit Ausnahmefällen zu tun?

Nein, was wir jetzt beobachten ist nur die Spitze des Eisbergs. Im Moment ist die Einnahmesituation der Kassen wegen der relativ hohen Lohnabschlüsse und einer guten Konjunktur ausgezeichnet. Das wird sich aber spätestens 2013 spürbar ändern. Dann ist mit wirtschaftlichen Einbrüchen zu rechnen.

Hinzu kommen Kostensteigerungen in den Bereichen Medikamente, Ärzteschaft und den Krankenhäusern, so dass Kassen, die jetzt keine Reserven aufbauen können, Zusatzbeiträge nehmen müssen. Solche Kassen können sich nur retten, wenn sie fusionieren. Oder sie gehen Pleite.

Bundesgesundheitsminister Bahr verspricht, dass die mehr als 80 000 Versicherten der insolventen BKK für Heilberufe problemlos in andere Kassen wechseln können. Wie denken Sie darüber?

Das wird nicht problemlos laufen. Denn auch für diese Kassenpleite ist das System schlecht vorbereitet. Bei den aufnehmenden Kassen wird es wieder so sein, dass man sich zuerst darum bemüht, die Jungen und Gesunden zu versichern. Sie sind überall willkommen. Zuletzt werden die versichert, die älter und kränker sind. Insofern ist eine Kassenpleite nie eine gute Nachricht. Jede Form der Fusion ist in der Regel besser.

Die von Ihnen beschriebenen Probleme gab es schon bei der Abwicklung der City BKK. Damals gelobten die Kassen Besserung. War das nicht glaubhaft?

Vielleicht werden die Schwierigkeiten im Vergleich zu damals geringer sein. Aber das Grundprinzip wird nicht durchbrochen: Attraktive Versicherte einer Pleitekasse sind die Umworbenen, während sich andere eine Kasse suchen müssen, oder eine zugeteilt bekommen. Dem ist gesetzlich kein Riegel vorgeschoben worden.

Was ließe sich dagegen tun?

Der wichtigste Schritt wäre, dass der Risikostrukturausgleich der Kassen besser funktioniert, so dass auch ältere und kranke Mitglieder für alle Krankenkassen attraktive Neumitglieder sind. Wenn der Wettbewerb so funktioniert, dass gesunde Menschen lukrativ sind und Kranke nicht, dann ist genau dieser perverse Wettbewerb das Problem. Nur 80 von 500 wichtigen Krankheiten werden überhaupt im Risikostrukturausgleich berücksichtigt. Aber die Regierung weigert sich beharrlich, diesen Konstruktionsfehler zu beheben.

Es gibt Stimmen, die sich angesichts der guten Finanzlage für eine Senkung des allgemeinen Beitrags aussprechen. Sie auch?

Nein, das halte ich für falsch. Wenn wir jetzt den Beitrag senken würden, wäre die Pleite für zahlreiche Krankenkassen im Jahr 2013 programmiert.