Beim Deutschen Nationalpreis für die Friedlichen Revolutionäre war Christian Führer am vergangenen Dienstag in Berlin nicht dabei. Der legendäre Nikolai-Pfarrer war an Lungenfibrose erkrankt. Er war das Gesicht der Leipziger Wende. Das Gedenken 25 Jahre danach wird er nicht mehr miterleben. Gestern Vormittag starb der 71-Jährige auf dem Weg ins Leipziger Uni-Klinikum.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nennt Führer den "herausragenden Wegbereiter der Friedlichen Revolution". Die Friedensgebete und das Dach, das er den Oppositionskreisen in seiner Kirche bot, habe "entscheidend zur Stärkung des Engagements für Freiheit und Demokratie beigetragen.

Christian Führer wurde 1943 in eine Leipziger Pfarrersfamilie geboren. An der Leipziger Uni studierte er in den 60er-Jahren evangelische Theologie. In der Umgebung trat er 1968 seine erste Pfarrstelle an. Als er 1980 die Nikolaikirche in der Leipziger City übernahm, war er bereits Vater von vier Kindern. Die Friedensgebete, die er 1982 einführte, waren sein Ventil für die Sorge über die Ost-West-Konfrontation - ein stiller Protest gegen das Wettrüsten und den Starrsinn der DDR-Obrigkeit. "Offen für alle" schrieb Führer 1986 an die Kirchentür. Zwei Jahre später kam es zur Konfrontation mit dem Staat. Der musste einlenken und die Oppositionsarbeit in der Kirche dulden, wenn auch unter strenger Aufsicht. Am Schicksalstag, dem 9. Oktober 1989 konnte auch ein Aufgebot von NVA, Stasi und SED in der Kirche nicht verhindern, dass die Betenden auf die Straße zogen und Tausende Leipziger hinterher.

Frieden blieb Christian Führers Thema, nach der Wende war es der soziale Friede. Er setzte sich für Arbeitslose ein, organisierte Proteste gegen die Hartz-IV-Reformen, trommelte immer wieder den harten Kern der Montagsdemonstranten zusammen. Er organisierte Gegendemos zu den alljährlichen Neonazi-Aufmärschen. 2008 ging er in den Ruhestand. Im vergangenen Jahr starb seine Frau, wie er selbst, an Krebs.

"Ohne Menschen wie Christian Führer wäre die Welt heute eine andere, wäre Deutschland noch immer geteilt, es gäbe die DDR noch und die Mauer stünde noch immer unüberwindbar zwischen Menschen in Ost und West", sagte gestern Leipzigs Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee. Er hatte zusammen mit Führer den Markenschutz des Kampfspruchs "Wir sind das Volk" durchgesetzt, der später gekippt wurde.

Katrin Göring-Eckardt, Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion, nannte Führer "im besten Sinn ein Bürger-Rechtler und im wahrsten Sinn ein Pastor". Ein Hirte für die Menschen, weit über seinen Sprengel hinaus. "Wir verneigen uns vor einem großen unabhängigen Geist", so der Vorsitzende der Linken-Landtagsfraktion in Sachsen, Rico Gebhardt.