Elisabeth Schroedter: "Es zeichnet sich eine Wende im Irak-Konflikt ab. Das ist so wichtig für die Menschen im Irak."
Welches Ziel wurde mit dieser Reise verfolgt„
In der Vorbereitung vereinbarten wir Abgeordneten, die Reise unter drei Grundsätze zu stellen: Erstens wollten wir uns nicht von dem Regime benutzen lassen, zweitens wollten wir uns auf dieser Reise ein Bild von der Situation der Bevölkerung machen und drittens sollte das Sammeln von Fakten dazu dienen, Alternativen zum Krieg aufzuzeigen. Es war uns klar, dass mit einer solch großen Gruppe, begleitet von Fernsehteams aus ganz Europa, die Reise den Charakter einer Friedensdemonstration bekam. Das war in unserem Sinn.

Mit wem hatten Sie Gelegenheit zu sprechen“
Im Zentrum standen Gespräche mit den internationalen Hilfsorganisationen, wie mit der Gesundheitshilfsorganisation Care International, aber auch mit Unicef, die mit Hilfe aus der Europäischen Union Grundschulen wieder so herrichten, dass darin gelehrt werden kann. Zudem unterstützt Unicef ein Zentrum für unterernährte Kinder am Rande der Slums von Bagdad. Gesprochen haben wir auch mit Vertretern des "World-Food-Programms" der UN, die die Verteilung des Programms "Lebensmittel für Öl" überwachen und anderen UN-Organisationen, die vor Ort tätig sind.
Außerdem haben wir uns mit dem Vertreter der irakischen Regierung für Waffeninspektionen, General Amir Al-Saadi getroffen. In dem Gespräch ging es darum, die Dialogbereitschaft der irakischen Seite in Bezug auf die Kritik der internationalen Waffeninspektoren auszuloten.

War dieser Termin fruchtbringend für Sie„
Das Gespräch fand in für mich erstaunlicher Offenheit statt. Er sagte uns, dass der Irak bereit wäre, Spionageflugzeuge zuzulassen, wenn die internationale Gemeinschaft garantiere, dass in der Zeit keine Angriffe gegen den Irak geflogen werden. Er sagte auch zu, dass die Inspektoren an die Plätze geführt würden, an denen der US-Außenminister Powell Produktionsstätten für Massenvernichtungswaffen vermutet. Er bestätigte die Gesprächsbereitschaft der irakischen Regierung in den heiklen Fragen zu den biologischen und chemischen Waffen (kritische Punkte im Inspektorenbericht - d. A.). Wir Abgeordneten forderten General Al-Saadi auf, aktiv mit den Waffeninspekteuren zusammenzuarbeiten. Das wäre eine Voraussetzung für den Frieden. Die Friedenskräfte in der Welt könnten dem Irak diese Vorleistung nicht abnehmen.

Wie ist Ihre Einschätzung von der allgemeinen Lage in dem Golfstaat“
Im Land selbst spürt man rein äußerlich kaum etwas von Vorbereitungen auf einen möglichen Krieg. Das liegt möglicherweise daran, dass die Menschen im täglichen Kampf ums Überleben keine Zeit haben, sich auf einen Krieg vorzubereiten. Sie hoffen einfach nur, dass es so weit nicht kommt. Das Leben ist für sie so schon schwer genug, das andere wollen sie sich gar nicht erst ausmalen.

Hatten Sie Kontakte zur Zivilbevölkerung„ Wie fest steht sie hinter Saddam Hussein“
Die Bevölkerung lebt in völliger Abhängigkeit vom Diktator. Kein Wunder, dass hier keiner auf die Idee kommt, Saddam Hussein davonzujagen. Ist er doch derjenige, der ihnen das tägliche Essen garantiert und sauberes Trinkwasser sowie eine minimale medizinische Versorgung ermöglicht, ihnen also das Überleben sichert. In diesem Zustand denkt die Bevölkerung nicht darüber nach, ob er ein Diktator ist oder nicht, sondern nur, dass er ihnen das Essen gibt. Die internationalen Sanktionen haben Saddam Hussein stabilisiert. Bewegungen gegen ihn finden keinen Rückhalt in der Bevölkerung.

Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen„
Ich wusste zwar schon einiges über die negativen Folgen der Sanktionen, aber bis dahin nicht, dass die Folgen so katastrophal sind: Zwei Drittel der Menschen im Irak sind von der monatlichen Lebensmittelration von 18 Kilogramm völlig abhängig. Die Sanktionen haben nach zwölf Jahren ein modernes Land des Mittleren Ostens zum Entwicklungsland verkommen lassen. Die ökonomischen Aktivitäten sind zum Erliegen gekommen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt wie in einem riesigen Flüchtlingslager und ist auf Zuteilung von Nahrungsmitteln angewiesen. Der Preis für einen Krieg ist zu hoch, den die durch die Sanktionen ausgemergelte Bevölkerung zu zahlen hätte. Das Ergebnis eines Krieges wäre eine humanitäre Katastrophe. Das bestätigte uns Torben Due, Direktor des "World-Food-Programms", sowie andere internationale Hilfsorganisationen.

Die deutsche Regierung will sich an einem militärischen Irak-Einsatz nicht beteiligen, wurden Sie mit dieser Haltung in Bagdad konfrontiert“
Ja, ich wurde natürlich immer gefragt, woher ich komme, vom Personal im Hotel, vom Taxifahrer, von den Menschen auf der Straße. "Aus Deutschland„" "Deutschland ist gut . . ." war unisono die Antwort. Das "Nein" des Kanzlers hatte sich in Bagdad rumgesprochen. Es ist Teil der Hoffnung der Menschen, dass der Krieg ihnen doch erspart bleiben möchte. Dieses ist ihre größte Sehnsucht, denn eins wurde deutlich, in einem Krieg würden die meisten von ihnen den täglichen Kampf ums Überleben nicht mehr gewinnen können.

Gegenwärtig formiert sich eine breite Friedensbewegung gegen einen möglichen Irak-Krieg. Glauben Sie, dass diese oder Initiativen wie die neue deutsch-französische noch eine Wende erreichen kann“
Ja, es zeichnet sich die Wende ab. Das ist so wichtig für die Menschen im Irak. Ein Krieg im Irak bedeutet eine humanitäre Katastrophe. Deshalb bin ich froh, dass die Vernunft sich jetzt langsam durchsetzt und andere Lösungen zur Abrüstung im Irak gesucht werden. Wir trafen einige Friedensbewegungen in Bagdad, unter anderem die US-amerikanischen "Frauen für den Frieden". Sie erzählten uns, dass sie einen Marsch von der französischen zur deutschen Botschaft planen und mit einem Brief die Initiativen dieser Regierungen unterstützen wollen.

Mit ELISABETH SCHROEDTER
sprach Maiken Kriese