Herr Lauterbach, macht die Krankenhausgesellschaft nur Panik, oder steckt mehr dahinter?
Das ist tatsächlich ein großes Problem, das sich schon seit etwa einem Jahr angebahnt hat.

Welche Patienten sind besonders betroffen?
Patienten mit Darmkrebs, Brustkrebs und mit Lymphonen bekommen die Engpässe besonders zu spüren.

Müssen diese Menschen tatsächlich um ihr Leben fürchten, wie es mittlerweile heißt?
Das ist nicht ausgeschlossen. Wenn zum Beispiel eine Chemotherapie mit einer Wirkstoffkombination durchgeführt wird, bei der ein Präparat fehlt, dann kann sich die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten tatsächlich verschlechtern.

Und dafür gibt es keine Ersatzpräparate?
Doch, aber solche Medikamente sind in der Regel schlechter. Denn wenn ich den Wirkstoff austausche, dann besteht die Gefahr, dass die Therapie weniger anschlägt als bei der Original-Kombination.

Klagen alle Kliniken über das Problem?
Nein. Manche Krankenhäuser werden besser beliefert als andere. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Wirkstoffe demnächst flächendeckend nicht mehr lieferbar sind.

Woraus resultieren die Engpässe?
Die Engpässe betreffen nur Medikamente, die durch den Wettbewerb preiswert sind und mit denen Pharmaunternehmen deshalb nur geringe Gewinne erwirtschaften. Stattdessen konzen trieren sich Pharma-Betriebe auf neue, zum Teil 50-mal teurere Wirkstoffe. Hier gibt es keine Lieferprobleme. Wir haben es also mit einem hausgemachten Skandal der Pharmabranche zu tun.

Warum existiert das Problem eigentlich nur im stationären und nicht im ambulanten Sektor?
Der Preisunterschied bei Medikamenten für bestimmte Behandlungen in Krankenhäusern ist deutlich größer als im ambulanten Sektor. Daher ist es für die Pharmabranche lukrativer, in den Kliniken anzusetzen.

Gibt es weitere Ursachen?
Sicher spielt der Konzentrationsprozess in der Pharmabranche auch eine Rolle. Wenn es nur wenige oder gar nur einen Hersteller für ein bestimmtes Medikament gibt, dann machen sich Produktions- und Qualitätsprobleme natürlich stärker bemerkbar. Das ist aber kein stichhaltiges Argument für die Verknappung. Denn die fraglichen Wirkstoffe sind relativ simpel herzustellen. Dass das nicht geschieht, ist der Profitgier der Pharmabranche geschuldet.

Haben Sie ein Gegenrezept parat?
Der Bundesgesundheitsminister hätte längst auf diese Entwicklung reagieren müssen. Er muss die Industrie zwingen, sich mit den künstlich verknappten Wirkstoffen zu bevorraten. Aus Kostengründen machen die Pharmabetriebe derzeit kaum davon Gebrauch. Es kann nicht angehen, dass wissenschaftlich gesicherte Therapien bei Krebserkrankungen undurchführbar sind, weil sich diese für die Pharmaindustrie nicht mehr lohnen.

Was wäre noch möglich?
Außerdem könnte der Minister Zwangsrabatte für andere Arzneimittel anordnen, wenn diese Lieferengpässe nicht sofort beseitigt werden. Es handelt sich nicht um ein Kostenproblem. Nötig sind eine bessere Organisation und ein besseres Management.

Mit Karl Lauterbach

sprach Stefan Vetter