Herr de Maizière, werden Sie sentimental, wenn Sie an den Mauerfall vor 25 Jahren denken?
Eigentlich nicht. Nach wie vor überwiegt das Gefühl der Dankbarkeit vor allem dafür, dass es damals im Großen und Ganzen friedlich geblieben und kein Schuss gefallen ist, obwohl es am 7. Oktober 1989 vorm Palast der Republik in Berlin oder auch bei den Demonstrationen in Leipzig und Dresden mächtige Keilereien gegeben hat. Wenn man sieht, wie sich so etwas auch entwickeln kann, beispielsweise in der Ukraine, weiß man, wie dankbar man sein kann. Im kommenden Jahr werden es 25 Jahre Deutsche Einheit sein. Ich sage immer, wir hatten zwei Phasen des Umbruchs. Die erste Phase war die der Selbstbefreiung, die bis zum 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, ging. Danach begann die zweite Phase, die der Selbstdemokratisierung. In dieser Phase war ich wahrscheinlich aktiver als in der ersten.

Hat sich das vereinte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren so entwickelt, wie Sie es sich damals vorgestellt hatten?
Es hat Dinge gegeben, die sehr viel schneller gegangen sind, als ich gedacht hatte. Ich habe mir zum Beispiel nicht vorstellen können, dass wir in nur einer Generation den Verfall unserer Städte aufhalten können und die modernste Infrastruktur innerhalb Europas aufbauen. Ich habe allerdings nicht gedacht, dass es mental so viele Schwierigkeiten gibt, die es zumindest in den ersten zehn Jahren nach der Wiedervereinigung gegeben hat. Das ist nun im Wesentlichen auch überstanden. Aber ich habe gelernt: Geschichte denkt nicht in Jahren. Geschichte denkt in Generationen.

Gibt es Enttäuschungen?
Im aktuellen Zustandsbericht zur Deutschen Einheit steht zwar, der Abwanderungsdrang sei gestoppt und im Jahr 2013 habe es das erste Mal mehr Zureisen aus dem Westen in den Osten geben als Wegreisen aus den Osten in den Westen. Trotzdem höre ich mit Kummer, dass noch immer Menschen den Osten Deutschlands verlassen. Das ist oft nachvollziehbar, weil sie der Arbeit hinterher ziehen. Es gibt eben Landstriche, die von der Abwanderung besonders betroffen sind wie in Mecklenburg-Vorpommern oder auch in der Lausitz. Es ist für die Menschen, die weggehen müssen schmerzhaft, weil sie ihre gewohnte Umgebung, ihre Heimat, verlieren.

Können Sie Ostalgie nachvollziehen?
Eigentlich nicht. Aber wir müssen mal davon ausgehen, dass für die meisten Menschen Kindheit und Jugend die schönste Zeit im Leben ist. Diese Zeit lag für die jetzt mittlere und ältere Generation der ostdeutschen Bundesländer in der DDR. Da kann ich verstehen, dass man sagt, das war damals am FKK an der Ostsee schön. Aber die Verhältnisse in der DDR will, glaube ich, keiner ernsthaft zurück.

Seit Wochen wird in Deutschland über das Wort Unrechtsstaat gestritten. War die DDR ein Unrechtsstaat?
Dieser Begriff ist mir zu unscharf. Man kann einen Teil des Gemeinwesens nicht mit einem Begriff umreißen. Man muss sagen, das oder jenes war unrecht oder das war Rechtsbeugung und manches war einfach nur Normalität. Insofern halte ich nichts von solchen Kampfbegriffen.

Wie würden Sie jemandem, der die DDR nicht kennt, diesen nicht mehr existierenden Staat in einem Satz beschreiben?
Das geht nicht. Das kann man nicht in einem Satz beschreiben. Das wäre leichtfertig. Die DDR war immerhin der größte Teil der Biografien von 16 Millionen Menschen. Und sie war am 17. Juni 1953 eine andere DDR als am 9. November 1989. Sie war von Anfang an ein Staat, der auf eine Diktatur setzte, was auch nie bestritten wurde. Es wurde uns immer gesagt, es wäre die Diktatur des Proletariats. Und sie war ein Staat, der zum Vasallenreich der Sowjetunion gehörte. Erst als die Sowjetunion nicht mehr die Kraft hatte, ihr Reich zusammenzuhalten, konnte sie auch die DDR loslassen.

Wie war das damals persönlich für Sie, als Sie plötzlich als Jurist in die Politik kamen und für 199 Tage Regierungschef eines abzuschaffenden Staates waren?
Ich hatte damals jeden Tag 20 Stunden zu arbeiten und nicht viel Zeit zu reflektieren, wie ich mich dabei fühle. Es herrschte ein enormer Verantwortungsdruck. Ich wurde morgens um halb sieben abgeholt und nachts um zwei wieder ausgekippt. Da fängt man nicht an, darüber nachzudenken, wie einem ums Herze ist. Ich habe überlegt, wie ich die Aufgaben schaffe, die vor mir liegen. Es war eine wahnsinnig anstrengende Zeit. Aber es war auch eine Zeit, die uns das damals nur alles hat überstehen lassen, weil wir alle in einer großen Euphorie lebten und dachten, wir können das Ganze zum Besseren gestalten. Es ist eine Zeit, die ich nicht missen, aber auch nicht noch mal haben möchte.

Wann war Ihnen eigentlich klar, dass die deutsche Einheit kommen wird?
Relativ bald. Eigentlich schon einige Tage, nachdem die Mauer gefallen war - oder eingedrückt war ist wohl treffender. Und als wir erfuhren, das pro Tag etwa 3000 bis 4000 Menschen die DDR verlassen. Da hab ich gedacht, das hält kein Staat aus, das läuft auf die Einigung zu. Schon am 28. November 1989 legte Helmut Kohl seinen Zehn-Punkte-Plan vor, an dessen Ende als Ziel die deutsche Einheit stand. Wenngleich dieser Zehn-Punkte-Plan einen anderen Zeithorizont hatte. Wir haben damals gedacht, es dauert vielleicht zwei, drei oder vier Jahre. Ich habe in meiner Regierungserklärung am 19. April 1990 gesagt, ich hoffe, dass wir so gut sind, dass wir 1992 wieder gemeinsam zu den Olympischen Spielen nach Barcelona fahren können. Dass es dann innerhalb eines dreiviertel Jahres geschah, lag auch mit daran, dass das Sowjetimperium zusammenbrach und man sehen musste, dass man so schnell wie möglich runter kommt vom sinkenden Schiff.

Ging es auf dem Weg in die deutsche Einheit zwischen Ost und West gleichberechtigt zu?
Wir kamen natürlich mit einem gescheiterten System und sie waren der Meinung, sie haben ein rundum gelungenes System. Ich glaube, dass Helmut Kohl sehr viel stärker die außenpolitischen Implikationen interessiert haben. Für die inneren Probleme und den Einigungsvertrag war Wolfgang Schäuble maßgeblich. Es war ein Segen, dass er damals dabei war. Mit ihm war auch verhandelbar, was für den Osten wichtig ist, worauf man verzichten kann und was unbedingt bewahrt werden muss.

Und Helmut Kohl lässt sich nun als Kanzler der Einheit feiern. Berechtigt?
Ja, sicherlich. Aber er vergisst manchmal dabei, dass es zum Vereinigen zwei braucht.

Haben Sie Kontakt zu ihm?
Nein. Er wünscht auch keinen Kontakt - weder mit mir noch mit anderen. Es gibt ganz wenige, die ihn gelegentlich besuchen. Seine Ehefrau schirmt ihn ziemlich ab. Es geht ihm auch gesundheitlich nicht gut.

Die Bühne der Weltpolitik betraten Sie bei der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrages am 12. September 1990 in Moskau.
Das ist wahrscheinlich die wichtigste Unterschrift in meinem Leben. Neben meinem Amt als Ministerpräsident war ich von August 1990 an zusätzlich auch Außenminister der DDR für den zurückgetretenen Markus Meckel und in dieser Funktion habe ich den Zwei-plus-Vier-Vertrag für die DDR unterschrieben - neben den Außenministern Hans-Dietrich Genscher für die Bundesrepublik, James Baker für die USA, Douglas Hurd für Großbritannien, Roland Dumas für Frankreich und Eduard Schewardnadse für die Sowjetunion.

Haben Sie ein Andenken von diesem historischen Moment?
Ich habe den Füllfederhalter, mit dem ich den Zwei-plus-Vier-Vertrag unterschrieben habe, mitgenommen. Ich hatte erst ein schlechtes Gewissen. Nach der Unterzeichnung beim Rausgehen stellte ich aber fest, dass die anderen auch ihre Stifte eingesteckt haben. Genschers Füllfederhalter geriet vor einigen Jahren in die Schlagzeilen, als Diebe in sein Haus einbrachen. Mein Füllhalter liegt im Alliierten-Museum in der Berliner Clayallee als Leihgabe. Neben diesem Füller habe ich noch eine Menükarte von einem Frühstück, das Michail Gorbatschow nach der Unterzeichnung gab. Auf der Rückseite der Karte hab ich alle, die dabei waren gebeten, zu unterschreiben. Nun hab ich die Unterzeichner des Zwei-plus-Vier-Vertrages und Gorbatschow auf einer Karte verewigt.

Irgendwann tauchte an ihrer Seite eine junge Frau auf, die in ihrem Presseteam arbeitete. Damals war Angela Merkel völlig unbekannt, heute ist sie Bundeskanzlerin. Hätten Sie ihr diese politische Karriere zugetraut?

Ich habe damals schon gemerkt, dass sie weit überdurchschnittlich intelligent ist, dass sie in der formalen Logik kaum zu schlagen ist, dass sie stringent wie ein Naturwissenschaftler denkt. Das war alles auffällig. Das Durchsetzungsvermögen habe ich ihr allerdings nicht zugetraut. Aber ich habe sie durchaus für ministrabel gehalten. Helmut Kohl fragte mich nach den ersten gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember 1990, er wolle ein weiches Ressort mit einer ostdeutschen Frau besetzen und wem ich ihm empfehlen könnte. Da hab ich ihm Angela Merkel empfohlen.

Sie selber waren schnell wieder raus aus dem Politikgeschäft. Fiel es Ihnen schwer auszusteigen?

Nein, denn es war mir von vornherein klar. Ich hab auch zu meinem Kollegen im Büro gesagt, mein Stuhl bleibt frei; ich komme wieder. Politik ist kein Lebensberuf für mich.

Ihr Blick auf die kommenden Jahre?
Ich hoffe, dass wir in den nächsten 25 Jahren wirklich ein einiges Europa werden, dass die großen Niveauunterschiede in Europa ausgeglichen werden und dass wir Russland mit einbeziehen. Denn am Ende dieses Jahrhunderts wird es zwei große Kraftzentren geben: nach wie vor Nordamerika und dann China, Japan mit dem asiatischem Raum. Europa wird nur dann eine Rolle spielen, wenn es einig ist und Russland mit einbezieht und sich die Ressourcen Russlands mit dem Know-how des Westens verbinden.

Mit Lothar de Maizière

sprach Thomas Seifert