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Herr Verheugen, wie stark beschädigt der Streit mit den USA, den verschiedene EU-Länder um die Irak-Politik führen, die europäische Außenpolitik„
Der Streit als solcher nicht. Es hat immer Kontroversen zwischen Europäern und Amerikanern gegeben. Das ist ganz normal. Der Riss, der im Augenblick an dieser Frage durch Europa geht, ist deshalb so unangenehm und gefährlich, weil er die Handlungsfähigkeit Europas in weltpolitischen Fragen blockiert und weil deutlich wird, dass Europa seine größere außenpolitische Verantwortung noch nicht angenommen hat.

Also doch ein Rückschlag für die gemeinsame europäische Außenpolitik“
Ohne Zweifel. Es zeigt sich, dass die Nationalstaaten bei solchen fundamentalen Fragen ihre eigenen nationalen Interessen immer noch an die erste Stelle setzen und dann erst nach Europa fragen. So kann Europa sein Gewicht in der Weltpolitik nicht wirkungsvoll einsetzen. Ich sage gar nicht, dass wir im Augenblick eine einheitliche Haltung Europas brauchen, ganz egal, wie. Für mich macht es schon einen Unterschied, ob Europa sagt, wir sind für einen solchen Krieg oder wir sind dagegen. Aber die mangelnde Fähigkeit Europas, außenpolitisch mit einer Stimme zu sprechen, kann bereits im Vorlauf einer solchen Krise dazu führen, dass man auf möglichen Einfluss verzichtet.

Welche nationale Regierung der EU trägt dafür in diesem Fall die Verantwortung„
Ursprünglich wurden die Außen- und Sicherheitspolitik nicht als Bereiche angesehen, die Gemeinschaftspolitik werden könnten. Das ist traditionell der Kernbereich der staatlichen Souveränität und wird es auch bleiben. Die EU ist eine Union von Staaten, die sich sehr schwer damit tun, auf diesen Gebieten Teile ihrer Souveränität abzugeben. Derzeit haben wir eine Art Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten, aber das reicht ganz offenkundig nicht aus. Das Ganze ist eine Frage des politischen Willens, nicht von Prozeduren und Resolutionen: Wollen wir ein politisch geeintes Europa oder nicht“ Wenn ja, dann muss Europa außenpolitisch mit einer Stimme sprechen.

Wie groß sehen Sie die Chancen, dass man diese allseits einigermaßen verfahrene Situation derzeit wieder lösen kann?
Die langfristigen strategischen Interessen aller EU-Mitglieder, auch der künftigen, und die der USA werden über kurz oder lang wieder zu einer besseren Basis der Zusammenarbeit führen. Es wäre für mich geradezu unvorstellbar, wenn das, was wir gerade erleben, der Beginn eines dauerhaften Auseinanderdriftens zwischen Europa und Nordamerika wäre. Das muss jedem in Europa und auch in Amerika bewusst sein. Auch Herr Rumsfeld muss verstehen, dass wir uns gegenseitig brauchen.

Mit GÜNTER VERHEUGEN
sprach Ralf Müller