Herr Meškank, Sie haben etwa 35 000 Blatt Stasi-Akten zur Überwachung der Sorben gelesen. Sie sind selbst Sorbe, war das eine schwierige Lektüre?
Nein, für mich war das nicht schwierig. Ich bin ausgebildeter Historiker, und dieses Thema ist bisher in der sorbischen Geschichtsschreibung nicht aufgearbeitet worden. Auf der deutschen Seite liegt dazu dagegen schon eine Menge Literatur vor. Auf sorbischer Seite gab es also Nachholebedarf.

Warum hat das Thema bei den Sorben so lange niemand angefasst?
Das Thema war und ist bei den Sorben heikel, da die sorbischen Institutionen, die es heute noch gibt, aus denen der DDR hervorgegangen sind. Da gibt es viel personelle Kontinuität und deshalb wenig Interesse, dieses Thema aufzuarbeiten.

Wie sind denn die Reaktionen aus der sorbischen Gemeinschaft auf Ihre Veröffentlichungen?
Es gab einige Reaktionen seit meiner ersten Veröffentlichung 2011, die sind aber überschaubar. Jetzt haben sich einige Nachkommen gemeldet, die genauer wissen wollten, was da mit ihren Angehörigen gewesen ist. Von denen, die für das Regime gearbeitet haben, hat sich nur einer in die Öffentlichkeit gewagt, und der hat alle Register der Verharmlosung und Rechtfertigung gezogen.

Erwarten Sie nun nach Erscheinen des Buches noch mehr?
Ich erwarte da wenig, aber ich hoffe, dass auch im sorbischen Kontext die DDR nicht mehr als eine normale Zeit betrachtet wird, sondern als ein diktatorisches Regime, das den Sorben viel Schaden zugefügt hat.

Sie wurden 1989 selbst von der Stasi bespitzelt, weil Sie an einer sorbischen Studentenzeitung mitarbeiteten. Die Domowina hat Sie damals nicht unterstützt. Hat das Ihre Arbeit an dem Buch beeinflusst?
Nein. Ich hatte die Geschichte dieser Studentenzeitung schon vor Jahren in einem anderen Projekt bearbeitet. Und zu den Funktionseliten der Domowina in der DDR hatte ich immer Distanz. Dass sie mich nicht unterstützt haben, konnte mich deshalb nicht enttäuschen. Diese waren immer regimetreu.

In Ihrem Buch über Stasi-Spitzel unter den Sorben findet man alles das, was über deutsche Zuträger des DDR-Geheimdienstes bekannt ist: Bereitwilliger, eifriger Verrat, aber auch Verweigerung und Reue. Gibt es trotzdem einen besonderen Sorben-Aspekt in der Zusammenarbeit mit der Stasi?
Da gibt es durchaus Besonderheiten. Die sorbischen Informanten waren gleichzeitig Interpreten des Sorbentums, denn die hauptamtlichen Mitarbeiter waren fast ausnahmslos Deutsche. Und der Anteil von fast 50 Prozent SED-Mitgliedern unter den sorbischen IM war auffällig. Unter deutschen Zuträgern hatten deutlich weniger ein Parteibuch. Ich schließe daraus, dass die Akzeptanz dieser Tätigkeit unter den Sorben niedriger war. Deshalb musste die Stasi mehr auf ohnehin regimekonforme Leute zurückgreifen, obwohl sie eigentlich stärker in die parteifernen Kreise eindringen wollte.

Was ist Ihre persönlich wichtigste Erkenntnis aus der Arbeit an diesem Buch?
Die Sorben standen nicht außerhalb der DDR-Gesellschaft. Es gab bei ihnen ähnlich gelagerte Verhältnisse. Und es gab in der DDR eine Zweiteilung. Einerseits das Propagandakonstrukt der regimetreuen nationalen Minderheit. Andererseits die realen Sorben, die große Distanz zum Regime gehalten haben. Die Kraft dafür kam aus dem Bewusstsein der nationalen Besonderheit des sorbischen Volkes.

Mit Timo Meškank

sprach Simone Wendler