Herr Riexinger, die SPD will von einem rot-rot-grünen Muster für Berlin nichts wissen. Und Sie?
Eine Ausstrahlung auf den Bund kann Rot-Rot-Grün in Thüringen durchaus haben. Wenn es in Thüringen gelingt, die inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen den drei Parteien umzusetzen, - höhere Tarifbindung für Beschäftigte, mehr Lehrer, stärkerer Sozialstaat -, dann könnte das Beispiel weiter Schule machen. Für die Linke ist ein eigener Ministerpräsident natürlich auch ein Beitrag zur politischen Etablierung in der Bundesrepublik.

Auf Bundesebene will niemand etwas mit Ihrer Partei zu tun haben. Das Verhältnis zu den Grünen ist fast feindselig. Und da reden Sie von einem Reformprojekt?
Auf Bundesebene fehlt SPD und Grünen bisher der Wille, ein wirklich alternatives Politik-Modell zur Großen Koalition zu entwickeln. In den ostdeutschen Bundesländern kann man sie nicht so einfach wegdrängen. Im Bund entsteht gerade durch die AfD eine neue Situation. SPD und Grüne verlieren ihren Platz in der linken Westentasche der Union. Bleibt die AfD dauerhaft über fünf Prozent, heißt es 2017 Rot-Rot-Grün oder Schwarz-Blau. Wer diesseits der Union einen Politikwechsel will, kann sich keine Ausschließeritis leisten. Das ist keine Frage der Liebe, sondern der Mathematik.

Vielleicht haben die Vorbehalte von SPD und Grünen auch mit der zwiespältigen Vergangenheitsbewältigung der Linken zu tun. In der Thüringer Landtagsfraktion sitzen mehrere Ex-Stasi-Zuträger.
Die Linke hat sich mit ihrer Geschichte wirklich intensiv und kritisch auseinandergesetzt. Die Linke von heute ist eine linkspluralistische Partei, die einen demokratischen Sozialismus anstrebt. In Thüringen haben die von Ihnen erwähnten Leute ihre Vergangenheit nicht verschwiegen und haben sich einer Wahl gestellt. Das Geschrei aus der Union hat einen antidemokratischen Unterton. In Thüringen wurde gewählt. Jetzt gibt es einen Wechsel. Das gehört zur Demokratie.

Der Begriff vom "Unrechtsstaat" DDR hat in Ihrer Partei kontroverse Debatten ausgelöst. So eindeutig liegen die Dinge wohl nicht.
Die Bundespartei steht voll hinter der Thüringer Linken. Ich glaube, dass es ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung langsam Zeit ist für eine neue Gedenkpolitik, die versöhnt und nicht spaltet.

Also kommt der Begriff jetzt auch ins Bundesprogramm der Linken?
Bei uns dekretieren nicht Vorsitzende, was im Programm steht. Die Linke ist 2007 gegründet worden. Zwei Drittel der Mitglieder im Westen sind seitdem neu hinzugekommen, haben also weder mit der PDS noch mit der WASG etwas zu tun gehabt. Auch in den neuen Ländern gab es große Umbrüche in der Mitgliedschaft. Geschichte ist wichtig. Aber ich plädiere dafür, dass wir unsere Kraft darauf verwenden, die Zukunft zu gestalten.

Mit Bernd Riexinger

sprach Stefan Vetter