Ist das Problem des Klimawandels weltweit im Bewusstsein der Menschen angekommen und auch die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun„
Ich bin da realistisch-optimistisch. Wie viele andere auch bin ich in der Vergangenheit häufiger enttäuscht als bestätigt worden, wenn es darum ging, für den Klimaschutz zu handeln. Aber jetzt bin ich doch überzeugt, dass wir einen Durchbruch im Bewusstsein erreicht haben. Nicht nur in den hoch entwickelten Ländern, sondern zum Beispiel auch in China. Die Rede des chinesischen Regierungschefs beim Kongress der kommunistischen Partei belegt das sehr deutlich.

Europa will Vorreiter beim Klimaschutz sein. Sind die Beschlüsse, die beim Gipfel in Brüssel getroffen wurden, dafür tauglich“
Sie sind ein Minimum dessen, was wir angesichts der Dramatik der Entwicklung brauchen. Zugleich sind sie sicher ein Maximum dessen, was gegenwärtig in Europa möglich ist. Deswegen: Respekt für Angela Merkel, die das erreicht hat. Die Beschlüsse sind eine Vorraussetzung, dass man weltweit vorankommt. Die Entwicklungsländer erwarten, dass wir, die wir pro Kopf massiv mehr CO 2 verbrauchen als sie, zeigen, dass wir zum Wandel fähig sind.

Glauben Sie, dass sich auch die USA, China und Indien an Vereinbarungen beteiligen werden„
In den USA gibt es eine geradezu revolutionäre Entwicklung, etwa in Kalifornien oder in den Neuengland-Staaten. Die dortigen Klimaprogramme sind mindestens so engagiert wie die europäischen. Ich bin sehr sicher, dass die Vereinigten Staaten ihr technologisches Potenzial einbringen werden. Für China ist der Klimaschutz schlichtweg eine Notwendigkeit, denn China ist eines der großen Opfer des Klimawandels.

Auf Papier lässt sich viel beschließen, aber beim Umsetzen hapert es. So hat Europa schon die alten Klimaziele verfehlt.
Europa hinkt hinterher, aber noch ist Zeit genug, um die Kyoto-Ziele einzuhalten. Das muss man von den Mitgliedsstaaten auch fordern. Es wäre für die Ernsthaftigkeit der neuen Ziele außerordentlich negativ, wenn man die bisherigen Verpflichtungen nicht erfüllen würde. Wir brauchen jetzt und in Zukunft in Europa einen engeren Überwachungsprozess, der die Einhaltung der Verpflichtungen verfolgt.

Was kommt auf die Deutschen mit der Klimaschutzpolitik zu: Eine Phase des Verzichts“
Wir brauchen Veränderungen von Verhaltensweisen. Vor Jahren haben wir für die Stadt München festgestellt, dass dort 65 Prozent des innerstädtischen Verkehrs Parkplatzsuchverkehr ist. Wenn man das ändert, dann verzichtet man nicht auf etwas, sondern gewinnt im Zweifel Lebensqualität. Die Klimapolitik ist im Grunde eine neue industrielle Revolution mit großen technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wir sollten den Gewinn an Lebensqualität und die Chancen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in den Vordergrund stellen.

Unter dem Strich: Glauben Sie, dass die Menschheit angesichts der vielen Interessen, Egoismen und Feindschaften in der Lage ist, ein globales Problem zu lösen, das nur gemeinsam zu lösen ist?
Gemeinsames Handeln bei unterschiedlichen Interessen ist dann möglich, wenn alle Partner von dem Ergebnis profitieren. Das ist beim Kampf gegen den Klimawandel eindeutig der Fall. Daher ist es keine Utopie, mit Realismus an weltweit abgestimmte, gemeinsame Aktionsprogramme zu gehen.

Mit KLAUS TÖPFER
sprach Werner Kolhoff