Herr Eppler, fünf SPD-Vorsitzende in fünf Jahren – fürchten Sie um den Bestand Ihrer Partei?
Um den Bestand nicht, aber um die Chancen der SPD in der nächsten Zeit. Entscheidend wird sein, ob das neue Duo Steinmeier/Müntefering es schafft, die gesamte Sozialdemokratie hinter sich zu bringen und zu integrieren.

Sind Steinmeier und Müntefering ein Befreiungsschlag oder das letzte Aufgebot?
Die beiden sind auf jeden Fall eine große Chance. Ich glaube, dass die inneren Differenzen bei der SPD heute viel kleiner sind als etwa in den Auseinandersetzungen Ende der 70er-Jahre, an denen ich noch aktiv beteiligt war. Die einen waren für die Atomenergie, die anderen dagegen. Die einen waren für die Nato-Raketen, die anderen dagegen. Das waren viel härtere Konflikte als heute. Insofern sollte die Integration jetzt leichter fallen. Und die beiden wollen sie.

Der Streit über den Umgang mit den Linken spaltet die SPD heute kaum minder als einst der Nato-Doppelbeschluss.
Das stimmt nicht. Die Antwort auf diese Frage wird bei jeder Parteiführung die gleiche sein: Keine Stelle in Berlin kann einer Stelle in Wiesbaden oder Saarbrücken irgendetwas befehlen. Das heißt, über den hessischen Ministerpräsidenten entscheidet der hessische Landtag und nicht das Willy-Brandt-Haus. Das ergibt sich aus den Verfassungen des Bundes und der Länder. Es ist geltendes Recht. Klar ist aber auch, dass man mit der Linkspartei auf absehbare Zeit im Bund nicht regieren kann. Das weiß die SPD-Rechte genauso gut wie die SPD-Linke. Und das hat die Bundespartei entschieden.

Warum wird der SPD-Chefposten trotzdem immer mehr zum Schleudersitz?
Es ist im Augenblick sehr schwierig, eine Partei zu führen, die in der Großen Koalition ordentliche Arbeit leisten soll, gleichzeitig aber klar machen muss, dass die Politik der Großen Koalition noch lange nicht die Ihre ist. Für Kurt Beck war es besonders schwer, weil er nicht wie einst Willy Brandt in der Großen Koalition mitarbeitete und damit auch nicht mitbestimmen konnte.

Bedauern Sie Becks Abgang?
Ja, weil er einer der seriösesten und anständigsten Politiker ist, die ich kenne. Er ist auch unter Zutun der Medien und der Demoskopie systematisch zermürbt worden.

Beck fühlt sich offenbar auch von Steinmeier weggeputscht. Wie gefährlich ist das für den Nachfolger?
Ich glaube nicht, dass sich die Vorwürfe Becks gegen Steinmeier richten. Steinmeier konnte nicht das geringste Interesse daran haben, den Mann wegzuputschen, der ihn zum Kanzlerkandidaten vorschlägt.

Warum startet Steinmeier nicht auch als Parteichef durch?
Steinmeier ist Außenminister. Das hat schon Willy Brandt 16 Stunden am Tag beschäftigt. Nun ist Steinmeier auch Kanzlerkandidat. Würde er noch Parteivorsitzender werden wollen, dann hielte ich ihn nicht für seriös.

Auch mit dem Personalwechsel weiß niemand, für was die SPD noch steht. Wissen Sie es?
Aber sicher. Dafür haben wir ein Grundsatzprogramm erarbeitet und letztes Jahr beschlossen. Ich rate manchen Journalisten und Parteifreunden, es gelegentlich auch zu lesen.

Mit ERHARD EPPLER
sprach Stefan Vetter