Als S. H. Saleh den Telefonhörer auflegt, geht alles ganz schnell. Er verlässt das Haus, blickt die Straße runter und taucht unter in der nächsten Gasse. Der Student hat eine Warnung bekommen. „Du kannst hier nicht bleiben“, hat ihm sein Professor am Hörer gesagt. „Du musst hier weg! Sofort!“
„Hier“, das ist Bagdad, die Stadt in der Saleh aufgewachsen ist, in der seine Familie lebt, in der seine Freunde sind. Die Stadt, in der er bereits zweimal im Gefängnis gesessen hat. Jedesmal, nachdem ihn jemand „an Saddams Truppen verraten hatte“. An die „Sicherheit“, wie sie Saleh nennt.
Heute sitzt der junge Mann in einem Cottbuser Café und erzählt seine Geschichte. Dass das für ihn gefährlich ist, selbst hier noch, weiß er. Die Wahrheit will er trotzdem sagen. Das hat er schließlich sogar in Bagdad gemacht. Ein vereintes Irak hatte er einmal an der Universität gefordert, Freiheit ein anderes Mal. „Ich kann nicht leugnen, was ich denke“, sagt Saleh. Statt Freiheit gab es für ihn Haft. Monatelang.
Wie lange„ Saleh hat die Tage nicht gespürt. Sonnenlicht drang nicht durch bis in seinen Kerker unter der Erde. Gespürt hat er nur die Schläge der Wärter. Tag und Nacht.
„Wenn die dich umbringen wollen, machen sie das einfach“, sagt Saleh. Er blickt sich im Café um. Hier hat er noch nie gesessen. Seit Monaten ist der 29-Jährige in der Stadt, die meiste Zeit verbringt er im Asylbewerberheim. Wartet auf einen Brief aus Eisenhüttenstadt, der zentralen Ausländerbehörde für Brandenburg. Dort liegt sein Asylantrag. Dort hat Saleh den Beamten seine ganze Geschichte erzählt. Eine schreckliche Geschichte.
Sein eigenes Todesurteil musste er unterschreiben, für den Fall, dass er noch einmal „aufsässig“ wird, Freiheit fordert oder Gerechtigkeit. „Die Sicherheit hat mir da so einen Zettel hingehalten, auf dem stand, dass für nichts mehr garantiert wird, wenn sie mich ein drittes Mal fassen. Ich habe ihn unterschrieben. Weil ich weiß, was sie mit Querulanten machen.“ Gerichtsverhandlungen gibt es bei Sicherheitsvergehen nicht. Folter bis zum Tod sei dafür nichts Ungewöhnliches in irakischen Sicherheitstrakten. „Und wenn sie ihren Spaß haben wollen, schmeißen sie dich mit Löwen in einen Raum oder mit anderen gefährlichen Tieren.“
Bevor sie ihren Spaß mit ihm haben konnten, ist Saleh abgehauen. Einfach weg. Wohin“ Völlig egal. „Irgendwohin, wo es Freiheit gibt“, sagt er heute. Auch wenn es ein langer Weg ist bis zur Freiheit. Genau zehn Tage hat es bis dorthin bei Saleh gedauert. Zehn Tage, in denen er Tag und Nacht unterwegs war, mit wechselnden Schleppern und wechselnden Flüchtlingen, alle paar Tage. Männer, Frauen, Kinder, sogar Babys. Gesprochen wurde nicht. Keiner hat gefragt, wohin die Reise geht. Über den Nordirak ging sie, durch die Türkei, glaubt Saleh. Wirklich wissen kann er es nicht. Gefahren wurde nur in geschlossenen Autos. Gelaufen wurde nur bei Nacht. Da war Saleh fast blind. Minus fünf Dioptrien hat er auf beiden Augen. Seine Brille konnte er nicht tragen. Sie hätte Licht reflektiert. „Es war eine Tortur“, sagt Saleh.
Ob das alles ausreicht, um ihm Asyl zu gewähren, müssen jetzt die Beamten in Eisenhüttenstadt entscheiden. Wie über alle anderen Anträge. Michael Wegener, Ausländerbeauftragter der Stadt Cottbus, macht wenig Hoffnung: „97 Prozent aller Asylanträge werden abgelehnt. Wenn Saleh Glück hat, bekommt er eine Duldung. Wegen des bevorstehenden Krieges.“
Einen Krieg, den Saleh nicht will, trotz allem, was passiert ist. Saddam Hussein wäre er gerne los, hofft, dass sein Sohn Quassy ihn ablöst und besser regiert. Aber Krieg? Nein. Der bringt noch mehr Leid unter die Menschen. „Schon heute sterben zu viele. Es gibt keine Medizin und Lebensmittel sind unendlich teuer.“
Wie es seiner Familie geht, weiß Saleh nicht. Kontakt in den Irak kann er unmöglich herstellen. Saleh bleiben nur Erinnerungen. Und die sind nicht schön. Einige aus seiner Familie sind, wie auch er zuvor, in Haft, Freunde bei der Folter gestorben. Salehs Bruder sitzt noch. Seit 1996. Der Offizier hatte sich geweigert, auf Kurden zu schießen beim Einmarsch in den Nordirak.
Was mit seinem Vater ist und mit seiner Mutter, darüber will Saleh nicht nachdenken. Zu viel hat er darüber gehört, was im Irak mit Menschen passiert, deren Familienangehörige geflüchtet sind.