Herr Nachtwei, welche Rolle spielt der Drogenanbau in Afghanistan?Der Opiumanbau hat sich in Afghanistan völlig unterschiedlich entwickelt. Er konzentriert sich immer mehr auf Provinzen, die sehr unsicher, ja, praktisch Kriegsgebiet sind. Das betrifft vor allem die Regionen an der Grenze zu Pakistan. Dagegen sind die nördlichen Provinzen, in denen die Bundeswehr fast ausschließlich operiert, zurzeit frei von Mohnfeldern. Der alte Vorwurf gegen die Bundeswehr, dass die Drogenwirtschaft quasi unter ihrem Schutz blüht, trifft mittlerweile nicht mehr zu.Was hat die Bundeswehr dafür getan?Die Bundeswehr ist nicht an direkten Aktionen gegen den Drogenanbau beteiligt. Aber sie hat einheimische Sicherheitskräfte dafür ausgebildet und leistet logistische Unterstützung. Entscheidend ist jedoch, dass in den mohnfreien Provinzen die Gouverneure und Mullahs sehr deutlich gemacht haben, dass der Drogenbau nicht mit dem Islam vereinbar ist. Außerdem gibt es für Bauern inzwischen mehr alternative Erwerbsquellen. Da spielt auch die Preisentwicklung eine Rolle. Für Weizen bekommt man derzeit mehr Geld als für Mohn. Was ließe sich noch verbessern?Die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte muss intensiviert werden. Wenn die Bundeswehr diese Kräfte ermutigen kann, auch gegen maßgebliche Drogenhändler vorzugehen, dann wäre das sicher ein Fortschritt. Allerdings muss das gut abgewogen werden. Denn viele dieser Drogenbarone verfügen über ein erhebliches Gewaltpotenzial bis hin zu eigenen Milizen.Sollte die Bundeswehr künftig direkt in die Drogenbekämpfung eingreifen?Nein, das ist nicht wünschenswert und auch vom Mandat für den Bundeswehreinsatz nicht gedeckt. Der Auftrag beinhaltet nur eine Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte. Alles andere hätte eine unkontrollierbare Eskalation zur Folge. Der Norden Afghanistans ist etwa halb so groß wie Deutschland. Aber nur rund 3300 Bundeswehrsoldaten sind dort stationiert. Quantitativ betrachtet sind unsere Soldaten gar nicht in der Lage, sich mit den Drogenbaronen anzulegen.Wie kann eine Drogenbekämpfung gelingen, wenn manche Drogenbarone Abgeordnete im afghanischen Parlament sind?Ja, das ist leider so. Auf Dauer wird man die Drogenszene nicht eindämmen können, wenn man nicht an ihre Spitzenprofiteure und Drahtzieher kommt. Das reicht bis in hohe Regierungskreise hinein. Was fehlt, ist ein einheitliches Vorgehen der internationalen Staatengemeinschaft, um auf die afghanische Regierung einzuwirken. Im Kampf gegen die Korruption ist auch die Bundesregierung gefordert.Mit WINFRIED NACHTWEIsprach Stefan Vetter