Kritiker nennen es ein "Duell der Zwerge". Das hören die drei Kandidaten für die Nachfolge von Berlins Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) nicht gern. SPD-Landeschef Jan Stöß baut sich dann zu seinen vollen 1,96 Metern auf ("Klein hat mich noch keiner genannt"). Stadtentwicklungssenator Michael Müller tauscht das verschmitzte Lächeln gegen einen entschlossenen Blick. Fraktionschef Raed Saleh blickt finster.

Die Berliner SPD sucht ihren nächsten Superstar - doch tut sich damit schwer. Die 17 200 Mitglieder dürfen entscheiden, wen die Partei als neuen Regierenden Bürgermeister nominiert. Am 18. Oktober gibt es ein Ergebnis, Stichwahl nicht ausgeschlossen. Doch außerhalb der Hauptstadt sind die drei Kandidaten No-Names, selbst viele Berliner kennen sie nicht. Keiner, so kritisierten sie, habe das Niveau des "Riesen" Wowereit, der am 11. Dezember knapp zwei Jahre vor Ablauf seiner dritten Amtszeit zurücktreten will.

Statt als Zwerge wollen sich die potenziellen Nachfolger viel lieber so sehen, wie sie in der SPD inzwischen ironisch getauft wurden: Als "drei Musketiere". Von deren legendärem Schlachtruf "Einer für alle - Alle für Einen" ist im "Wahlkampf" aber nicht viel zu spüren.

Seit Wochen lieferten sich Stöß (41), Müller (49) und Saleh (37) Rededuelle in Foren und auf Versammlungen, teils mehrmals am Abend. Inzwischen überlappen sich die Formulierungen immer mehr. Arbeitsplätze, bezahlbare Mieten, Bürgerbeteiligung, Bildung, eine soziale Stadt beschwören alle drei. Die Abgrenzung fällt ihnen schwer, vertreten sie doch als eingefleischte Sozialdemokraten ein ähnliches Programm. Hat einer einen prägnanten Slogan gefunden, "leiht" der andere diesen für die eigene Rede aus.

Angesichts der Übereinstimmungen versuchen die drei, mit ihren Lebensläufen zu punkten. Parteichef Stöß inszeniert sich als Intellektuellen, ein wenig schon jetzt als Regierungschef. Sein Credo: "Mut zur Veränderung". Als Einziger legte er ein Programm vor: Mit einem milliardenschweren "Zukunftsinvestitionsprogramm" in die öffentliche Infrastruktur und Personal verspricht er mehr als die anderen. Unklar bleibt, wie er das finanzieren will. Stöß will die SPD mehr nach links rücken. Erfahrung im Parlament hat der kurzzeitige Stadtrat nicht. Für den Wahlkampf ließ sich der promovierte Verwaltungsrichter beurlauben.

Wowereits ehemaliger Kronprinz Müller will an die Arbeit des Noch-Regierenden anknüpfen. "Ich lasse mir unsere Erfolge nicht kleinreden", sagt er. Dick auftragen ist dabei nicht seine Art. Er betont stattdessen die Erfahrung von mehr als zehn Jahren als SPD-Partei- und Fraktionschef und drei Jahren als Senator. Oft wurde ihm Blässe nachgesagt - das münzt Müller jetzt in Verlässlichkeit um. "Regieren muss man auch können", sagte er leicht süffisant in Richtung der weniger erfahrenen Konkurrenz. Selbstkritisch gibt er zu, beim Glamourfaktor "noch Luft nach oben" zu haben.

Der gebürtige Palästinenser Saleh spielt die Migrantenkarte und setzt auf Emotionen. Er sei ein "waschechter Berliner", versichert er, kam als Fünfjähriger in die Stadt. Saleh will der erste deutsche Ministerpräsident mit ausländischen Wurzeln werden und Wowereits Erfolgsgeschichte von der weltoffenen Metropole weiterschreiben. Sozialer Aufstieg und Bildung sind seine Themen. Dabei scheut er sich auch nicht, in Debatten die Ratschläge seiner Grundschullehrerin und sogar seines toten Vaters zu beschwören: "Arbeite hart, Raed!" Und: "Achte die deutschen Gesetze!".

Auch vor dem Nachfolge-Wahlkampf waren die drei Kandidaten kaum Freunde. Stöß putschte Müller im Verein mit Saleh vor zwei Jahren aus dem Amt des SPD-Vorsitzenden. Es blieben Verletzungen. Stöß und Saleh scheinen einander mehr oder weniger für unfähig zu halten. Unterstützt werden sie aus unterschiedlichen Lagern: Saleh von seiner Fraktion, Stöß eher von den Funktionären, Müller von der Basis - und nicht zuletzt, ohne dass dieser das offen sagen würde, von Wowereit. Am Ende jedoch haben die SPD-Mitglieder das Wort. Und die sind, das sagen alle drei Kandidaten, unberechenbar.