Herr Danckert, das bei Floyd Landis gefundene Testosteron soll nicht natürlichen Ursprungs, sondern synthetisch sein. Glauben Sie an die Unschuld eines Floyd Landis„
Nein, das glaube ich wirklich nicht mehr. Das halte ich für völlig ausgeschlossen.

Nach den Ereignissen der Tour de France fordern immer mehr Experten ein Anti-Doping-Gesetz. Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik Verbandes, hat beispielsweise Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) dazu aufgefordert, eine effiziente Dopingbekämpfung zu ermöglichen. Schließen Sie sich solchen Forderungen an“
Ich gehöre auch zu denjenigen, die schon seit Jahren ein Anti-Doping-Gesetz fordern. Und ich denke, diese schlimmen Ereignisse, die spektakulären Dopingfälle um den spanischen Arzt Fuentes - mit einem starken Verdacht gegen Jan Ullrich -, Floyd Landis und Olympiasieger Justin Gatlin, so traurig, wie das ist, haben uns Rückenwind gebracht.

Eberhard Gienger, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), spricht sich gegen ein staatliches Anti-Doping-Gesetz aus. Er will stattdessen das Arznei- und Betäubungsmittelgesetz erweitern, um Verstöße wie Blutdoping überhaupt verfolgen zu können. Was würde eine solche Gesetzesänderung Ihrer Meinung nach bewirken„
Also das funktioniert ja nicht. Der Herr Gienger ist in diesem Punkt leider nicht auf der Höhe der Informationen. Beide Gesetze passen nicht, wenn wir über Blutdoping reden. Von daher brauchen wir ein umfassendes Anti-Doping-Gesetz, in das alle Dopingmittel mit einbezogen werden, die nicht unter die bestehenden Gesetze fallen. Ich kann nicht auf einmal Epo ins Arzneimittelgesetz einbinden, weil das kein Arzneimittel ist. Also die Äußerungen von Herrn Gienger und anderen aus der Spitze des DOSB liegen völlig neben der Sache. Das sind Rückzugsgefechte. Es wird ein Anti-Doping-Gesetz geben, da bin ich ganz sicher.

Wenn Sie die Spitze des DOSB ansprechen, Präsident Thomas Bach lehnt die Kriminalisierung von Sportlern ab. Er will aber verschärfte gesetzliche Möglichkeiten, um auf das Umfeld zuzugreifen. Halten Sie das für den richtigen Ansatz“
Nein. Es geht gar nicht darum, die oder alle Sportler zu kriminalisieren. Das ist ein abwegiges Argument. Es geht darum, gegen den Sportler, der betrügt, strafrechtlich vorgehen zu können. Das ist der Punkt. Niemand kommt auf die Idee, im Strafgesetzbuch die Tatbestände der Bestechlichkeit oder Vorteilsnahme bei Beamten abzuschaffen, nur weil irgendjemand behauptet, damit würde man die deutsche Beamtenschaft kriminalisieren. Herr Bach und Herr Gienger verwenden wenig überzeugende Argumente.

Glauben Sie daran, dass ein Sportler ohne sein Mitwissen gedopt werden kann oder im Gegenzug, dass ein Spitzensportler ohne das Mitwissen seines Trainers Dopingmittel über Jahre hinweg einnehmen kann„
Das halte ich für völlig ausgeschlossen. Der dopende Sportler steht im Zentrum dieses kriminellen Geschehens. Ohne ihn ginge es gar nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm Dopingmittel im Schlaf beigebracht werden. Deshalb ist der Sportler durch Strafgesetze genauso vom Staat zu bestrafen wie der Arzt oder der Betreuer, denn das ist schlichter Betrug. Jeder Zuschauer empfindet das so.

Apropos Zuschauer: Sie sagen, die Medien, und hier vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, würden ebenfalls eine Rolle beim Thema Doping spielen . . .
Doping ist Betrug gegenüber dem Zuschauer, dem Mitbewerber, gegenüber den Sponsoren und gegenüber den Medien. Schauen sie sich doch nur mal die Einbrüche bei den Zuschauerzahlen an, die die Öffentlich-Rechtlichen während der Tour-de-France-Übertragung hatten im Vergleich von 2005 zu 2006. ARD und ZDF ist doch ein richtiger wirtschaftlicher Schaden entstanden, denn die Einschaltquoten haben unmittelbaren Einfluss auf die Werbeeinnahmen. Deshalb fordere ich ARD und ZDF auf, solche Veranstaltungen wie Tour de France und Deutschlandtour nicht mehr zu übertragen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, sie würden auch nur mittelbar kriminelle Machenschaften begleiten.

Glauben Sie, dass der Otto-Normal-Zuschauer weniger Interesse an Sportberichterstattung hätte, wenn Sportler weniger Leistung bringen würden“
Das Faszinierende ist in der Regel doch der Wettkampf Mann gegen Mann. Wir sind zu sehr auf Spitzenzeiten aus, auf Hundertstel, die man gar nicht mehr sehen kann. Ob jemand mit 9,8 oder zehn Sekunden gewinnt, ist für den Zuschauer egal und nicht weniger spannend. Es müssen einfach gleiche Bedingungen herrschen. Und die sind nicht mehr gegeben, wenn ein Großteil der Ath leten sich dopt.

Nun ist der Spitzensport neben dem Sport ja vor allem auch ein lukratives Geschäft, in dem es um Macht und viel Geld geht. Liegt hier die Ursache für das immer größer werdende Problem Doping„
Natürlich, das sind wirtschaftliche, finanzielle Vorteile, die da erlangt werden mit - ich betone das ausdrücklich - unredlichen Mitteln. Wenn man betrügt, muss das bestraft werden können. Das ist wie in der Wirtschaft.

Wie soll eine solche Bestrafung Ihrer Meinung nach aussehen“
Ich habe nichts dagegen, dass man vielleicht entsprechend den Regelungen im Betäubungsmittelgesetz eine Art von Kronzeugenregelung für die Sportler einführt. Dass sie, wenn sie ihr Umfeld offenbaren oder ihre Hintermänner preisgeben, Strafmilderung oder vielleicht sogar Straffreiheit erhalten. Aber wir müssen, und das ist der entscheidende qualitative Unterschied, zwischen all denen, die jetzt nach schärferen Gesetzen rufen und uns, die wir ein Anti-Doping-Gesetz fordern, wir müssen etwas tun. Wenn wir das Anti-Doping-Gesetz schaffen, haben wir auch eine Möglichkeit, den Sportler zu bestrafen.

Haben Politik und Funktionäre tatsächlich ein Interesse daran, mit allen Konsequenzen gegen das Doping vorzugehen„
Also ich kann das nur für mich und meine Partei, die SPD, und für viele andere sagen: Wir haben ein Interesse daran. Ob das bei allen zutrifft, möchte ich hoffen, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.

Was würde passieren, wenn man das Doping freigeben würde“
Das wäre eine Katastrophe. Dann nehmen ja schon die Vierzehnjährigen was, um im Schulsport oder bei Kreis- oder Landesmeisterschaften besser abzuschneiden. Eine Freigabe von Doping wäre - wie es neulich mal der Professor Werner Franke gesagt hat - „Beihilfe zum Mord“ .

Wegen „Abgabe von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport an Personen unter 18 Jahren“ wurde Thomas Springstein zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Sind unsere Gesetze scharf genug für Fälle, in die Jugendliche involviert sind„
Der Strafrahmen ist im Fall Springstein bei Weitem nicht ausgeschöpft worden. Ich plädiere erst für neue Strafrahmen, wenn die Praxis bei Gericht zeigt, dass die vorhandenen nicht ausreichen. Im Fall Springstein hätte auch eine dreijährige Strafe ohne Bewährung verhängt werden können.

Haben wir vielleicht schon jetzt ausreichende Gesetze und wenden sie nur nicht richtig an“
Nein, wir haben kein Gesetz, was den Besitz von Doping beim Sportler und bei Dritten unter Strafe stellt. Das Entscheidende ist, dass der im Zentrum dieses kriminellen Geschehens stehende Sportler auch belangt werden können muss. Und zwar durch staatliche Gerichte. Die Sportgerichtsbarkeit ist wieder etwas anderes. Das bedeutet keine Doppelbe strafung, sondern das sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche.

Forderungen bezüglich der Bekämpfung von Doping gibt es derzeit viele. Die Meinungen der Parteien für ein Anti-Doping-Gesetz gehen auseinander. Welche Möglichkeiten für einen Konsens in der Politik gibt es eigentlich„ Was ist das Machbare“
Wir, das heißt CDU/CSU und SPD, haben uns vor der Sommerpause auf einen Minimalkonsens geeinigt. Der geht uns nicht weit genug. Insofern bin ich froh, dass in die politischen Parteien, insbesondere in die Regierungskoalition, Bewegung gekommen ist. Ich finde es gut, dass der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) dabei ist, ein Anti-Doping-Gesetz zu entwickeln. Ich habe mit großem Interesse zur Kenntnis genommen, dass auch andere CDU/CSU-Politiker wie der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, ein Anti-Doping-Gesetz verlangen, bei dem auch der Besitz von Dopingmitteln beim Sportler bestraft wird. Es sind noch nicht alle bei der Union dabei, aber es werden täglich mehr. An der SPD scheitert es jedenfalls nicht.

Das Anti-Doping-Gesetz wird also kommen„
Ich glaube, dass es zu einer parteiübergreifenden Übereinkunft kommen wird. Soweit ich weiß, sind die Grünen auch eindeutig dafür. Wenn ich das richtig vernommen habe, sind auch einige Leute von der Linkspartei dieser Ansicht.

Wann werden wir ein Anti-Doping-Gesetz haben“
Wir werden Ende September im Sportausschuss eine Anhörung zum Thema Doping organisieren, mit hochkarätigen Gästen aus dem Ausland und mit Fachleuten. Ich denke, das ist der Anfang für die Gesetzesinitiative. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Ganze bis Ende des Jahres, spätestens bis Anfang nächsten Jahres über die Bühne gegangen ist.

Mit PETER DANCKERT
sprach Rebecca Kresse