Ständig baumelte die rote Quaste des Doktorhuts vor seinem Gesicht hin und her. Ziemlich lange hatte sich der Bundeskanzler geziert, eine solche akademische Auszeichnung anzunehmen. Doch bei der Tongji-Universität in Schanghai machte Schröder gestern erstmals eine Ausnahme.

"Die Balance ist wichtig"
Der frisch gebackene Doktor musste sofort erfahren, dass damit auch Verpflichtungen verbunden sind. Eine Studentin fragte, ob er denn jetzt auch Vorlesungen halten würde. Spontan sicherte der Kanzler zu, zumindest jedes Mal, wenn er künftig in die Hafenmetropole komme, eine kleine Vorlesung abzuhalten. Aber nur 45 Minuten wohlgemerkt: "Denn Akademiker sind so, dass sie zwar eine Stunde bezahlt bekommen, aber nur 45 Minuten arbeiten." Den Hut wolle er aber nicht wieder mitbringen. "Das kann ich auch ohne."
Wegen seiner Wiederwahl als Bundeskanzler wollte eine Studentin sein "Erfolgsrezept" wissen. Doch wollte ein gut gelaunter Schröder seine Tricks nicht an die Opposition verraten. Er unterstrich, es sei wichtig, eine Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Sensibilität zu finden. Allein gutes Wirtschaftswachstum schaffe Ungerechtigkeiten, sagte Schröder, wobei Beobachtern die kapitalistische Ausbeutung in China in den Sinn kam. Doch fügte er hinzu, allein ein soziales Netz zu schaffen, sei auch "unbezahlbar", wobei er vielleicht wieder mehr an Deutschland gedacht hatte.
Ein bisschen Vorlesungscharakter hatte die ganze Vorstellung schon. In seiner Rede kam Schröder über die europäische Integration zur angespannten Weltlage um den drohenden Krieg mit dem Irak bis hin zur Notwendigkeit einer freien Gesellschaft mit einem freien Informationsfluss - auch im Internet, auch in China.
Doch solche Nachdenklichkeit spüren Beobachter bei seinen Reisen nach China immer seltener. Die schlechte Menschenrechtslage, die massive Anwendung der Todesstrafe, die Inhaftierung von Bürgerrechtlern oder die Verfolgung von Minderheiten sind längst kein Thema mehr bei Kanzlerreisen nach China. Diese Probleme sind von der hohen politischen Ebene weitgehend nach unten in den "Rechtsdialog" delegiert, der von chinesischer Seite vor allem zum Aufbau der Strukturen für eine funktionierende Wirtschaft genutzt wird.

Transrapid als Symbol
Der Kanzler schien fast abzuheben, wenn er auf dieser Reise in Lobeshymnen ausbrach, wie gut die Beziehungen zu China seien. "Frei von Problemen", attestierte Schröder in Gegenwart von Ministerpräsident Zhu Rongji. "Könnte nicht besser sein." Da wunderte es niemanden, dass beide den Transrapid, der wie kein anderes Projekt die immer intensivere wirtschaftliche und technologische Kooperation beider Länder vereint, zum "Symbol für die Beziehungen" erhoben. Am heutigenSilvestertag geht es in Schanghai frei schwebend mit mehr als 400 Stundenkilometern erstmal zur Testfahrt.