Doch sofort nachdem sich die Sachsenmetropole als deutscher Kandidat für die Olympischen Spiele 2012 durchgesetzt hatte, fuhr „Dirty Harry“ selbst voll auf die Stadt ab: Besonders das Cellospiel des Leipziger Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee hat es dem ausgebildeten Kirchenorganisten Schmidt angetan.
Schon bei der Nominierung seiner Stadt zum deutschen Olympiakandidaten hatte Tiefensee den Bogen raus: Mit der heimlichen Hymne der Leipziger Wende-Demonstranten „Dona nobis pacem“ hatte er sich in die Herzen gefiedelt. Nur zu gerne wollten die Juroren des Nationalen Olympischen Komitees ihm damals Glauben schenken, als er versicherte, seine Mitbürger seien fähig und entschlossen, in ihrer Heimatstadt die Olympischen Spiele auf die Beine zu stellen.
Jetzt hat auch Harald Schmidt vollends in diesen Glaubenschor eingestimmt. In seiner Show am Donnerstag outete sich der Entertainer als Fan der Stadt. „Ich finde es großartig, dass Leipzig gewonnen hat“ , sagte er. „Es kann nur Leipzig sein.“
Talk-Gast Tiefensee revanchierte sich, wie es sich geziemt. Er beschenkte Schmidt mit einem Cello-Bogen, der die Aufschrift trägt: „Harald spielt mit Leipzig 2012.“ Und Tiefensee nutzte die Gunst der Stunde, schlagfertig und charmant die Vorzüge Leipzigs als Stadt der Bach-Musik, der Olympiastätten mit den kurzen Wegen, das natürliche Flair und die Tradition der Sachsenmetropole hinauszuposaunen.

Konkurrenz schläft nicht
Doch die Konkurrenz schläft nicht. Erst New York, dann kam Madrid, am Donnerstag London, kommende Woche verkündet Paris seine Kandidatur, auch Moskau wird erwartet und dazu Rio de Janeiro oder Sao Paulo. Wer derzeit beim Weltgipfel der Sportfunktionäre in Madrid nach Leipzigs Chancen für die Spiele 2012 fragt, erntet deshalb zuweilen mitleidige Blicke.
Rad-Präsident Hein Verbruggen etwa war schon ein bisschen über die deutsche Nominierung überrascht. Ob Leipzig eine Chance hat„ „Warum nicht““ , antwortet er ausweichend. „Bitte verstehen Sie, ich kann das nicht kommentieren. Auch kleine Städte sollten die Möglichkeit haben, sich zu bewerben. Ich erinnere an Lille oder Sevilla.“ Nur: Lille und Sevilla stehen für besonders drastisch gescheiterte Kandidaturen.
Klaus Schormann, dem deutschen Präsident des Internationalen Verbandes für Modernen Fünfkampf, ist intern gar von vielen seiner Kollegen „großes Bedauern“ entgegen geschlagen, wie er berichtet. „Sie können nicht verstehen, dass eine so große Sportnation ihre Chancen schon durch die nationale Auswahl verspielt.“
Auch Witali Smirnow, Alt-Olympier aus Russland und IOC-Vizepräsident, empfindet Leipzigs Bewerbung als „erstaunlich. Ich kenne die Stadt nicht, ich weiß nicht, ob sie für den ganz großen Sport geeignet ist. Aber vielleicht denken die Deutschen, kleine Stadt, kleine Probleme“ .
Es klingt aber auch Zuspruch durch. Mut macht zum Beispiel das ungarische IOC-Mitglied Tamas Ajan, der mit einem Lächeln sagt: „Leipzig ist eine ganz starke Bewerbung.“ Der Präsident des Internationalen Ruder-Verbandes Denis Oswald hat „viel Vertrauen, dass das deutsche NOK gut evaluiert hat“ . Er sei sich „ziemlich sicher“ , dass Leipzig die Vorauswahl überstehen werde. Und auch für das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg ist das „eine sehr interessante, sehr sportliche Bewerbung“ .
Heiberg kennt sich aus. „Wir kamen aus dem Nichts, keiner hat mit uns gerechnet“ , sagt der Industrielle, der der Motor für Olympia 1994 in Lillehammer war. Es waren glanzvolle Winterspiele.
Im Juni 2004, als mögliches Mitglied der IOC-Exekutive, könnte der Norweger - genau wie Oswald und Smirnow - die Vorauswahl unter den Kandidaten treffen. Städte wie New York und Paris betreiben deshalb schon jetzt in Madrid durch Abgesandte kräftig Lobby. Leipzig scheint indes noch ganz und gar mit sich selbst beschäftigt.