Herr Krichbaum, Cameron droht mit dem Austritt der Briten aus der EU. Viele Deutsche werden sagen: Sollen Sie doch rausgehen! Denken Sie auch so?
Nein, d enn Großbritannien ist und bleibt ein wichtiger Partner in Europa. Im Moment konzentrieren wir uns alle sehr stark auf die Euro-Rettung. Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen, bei denen die Briten dann zum Beispiel eine tragende Rolle in einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik spielen müssten. Allerdings müssen die Briten jetzt mal sagen, was sie wol len .

Nervt Sie nicht die ständige Sonderrolle, die London beansprucht?
Natürlich. Jeder muss wissen, dass man mit ständigen Ausnahmen für einzelne Staaten nicht die Zukunft Europas gewinnen kann. Europa wird nur stark sein, wenn es nach außen geschlossen auftritt und nicht als vielstimmiger Chor mit Dissonanzen.

Cameron will Reformen, die unter dem Strich auf weniger Europa hinauslaufen. Die EU ist gerade auf dem anderen Weg, Richtung mehr Europa. Das passt nicht zusammen oder?
I n der Tat nicht. Cameron hätte seine Rede besser nutzen sollen, um seinen Landsleuten Europa zu erklären. Insofern war das eine verpasste Chance. Und womöglich noch mehr. 2014 gibt es in Schottland ein Referendum über die Unabhängigkeit. Womöglich werden mehr Schotten dafür stimmen, weil ihre eigene Zukunft in Europa in einem Verbund mit Großbritannien nun unsicher geworden ist. Dann könnte Camerons angeblicher Befreiungsschlag nach hinten losgehen .

Aber was der Premier fordert, mehr Effizienz in Brüssel, Bürokratieabbau, das wollen auch viele Deutsche?
Ja, aber da klang mir manches in der Rede viel zu populistisch. Großbritannien hat alle Abkommen und Verträge selbst mit ausgehandelt und unterzeichnet. London muss verstehen, dass Europa nicht zum Rosinenpicken da ist. Jeder Mitgliedstaat hat seine eigene Wunschliste, auch Deutschland. Wenn wir das anfangen würden, würden wir die Büchse der Pandora öffnen. Andere Regionen in der Welt sind längst im vierten Gang, und Herr Cameron versucht es mit dem Rückwärtsgan g.

Neuwahlen in Italien, jetzt auch noch Großbritannien. Von außen sieht Europa sehr instabil aus. Berührt das die Stabilität des Euro?
Die Signale aus Großbritannien sind sicherlich nicht hilfreich. Wir sind jetzt in einer Phase, wo Europa geschlossen auftreten muss. Die britische Diskussion kann Europa für die nächsten Jahre lähmen. Wenn Herr Cameron schon ein Referendum will, dann sollte er es wenigstens sofort stattfinden lassen. Die Argumente sind bekannt.

Was glauben Sie, ist Camerons Motiv?

Es war eine innenpolitische Rede, gerichtet an die Widersacher in der eigenen Partei. Ob David Cameron aber die Geister wieder los wird, die er gerufen hat, das bezweifele ich . Mit Gunther Krichbaum

sprach Werner Kolhoff