Nicht jeder kann - wie Frank-Walter Steinmeiers Frau - auf die Spende eines nahen Angehörigen bauen. Die 49-jährige Katrin Brunk aus Mühlberg musste sich siebeneinhalb Jahre lang einer maschinellen Blutwäsche unterziehen, bevor sie am 8. Mai 2006 ein Spenderorgan geschenkt bekam. Sie habe sich schon mit dem Gedanken getragen, nach Österreich auszuwandern, weil dort die Widerspruchsregelung gelte. Danach ist jeder Organspender, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich seinen Widerspruch dazu bekundet hat.

Dr. Wilfried Dschietzig, leitender Arzt des Nephrologicum Lausitz mit Dialysestationen in Cottbus, Senftenberg, Guben, Forst und Luckau, erinnerte beim SPD-Themenabend im Elsterschloss daran, dass diese Widerspruchslösung auch zu DDR-Zeiten galt. Aber auch seinerzeit habe man in der Regel den Kontakt zu den Angehörigen gesucht, bevor einem Menschen, dessen Hirntod festgestellt war, Organe entnommen wurden. Ob sich durch eine solche Lösung die Zahl der Spenderorgane tatsächlich erhöhen würde, werde von Experten widerlegt. Die entscheidende Frage sehe er in den Krankenhäusern. "Organentnahme kann nicht so nebenbei erfolgen. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Krankenhäuser effektiver arbeiten können", so Dschietzigs Forderung. Frank-Walter Steinmeier ist sich sicher: "Für die Widerspruchslösung hätte es im Bundestag keine Mehrheit gegeben." Im Abwägen zwischen staatlichem Zwang und Freiwilligkeit habe man sich mit Mehrheit für den zweiten Weg entschieden. Aber auch dafür, etwas mehr Druck darauf auszuüben, dass sich Menschen schon zu ihren Lebzeiten bekennen, ob sie Organspender sein möchten. "Ich halte es für unzumutbar, diese Entscheidung an die Frau, die Eltern oder Kinder weiterzugeben. Diese Entscheidung gehört ins eigene Leben", so Steinmeier. Deshalb seien die Krankenkassen gebeten worden, ihren Versicherten in Abständen von zwei Jahren die Frage zu stellen.

Dr. Detlef Bösebeck, geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation: "Es wären keine Lebendspender notwendig, wenn jeder sein Kreuz an der richtigen Stelle machen würde." Die Sorge aus dem Publikum, im Falle eines Arbeitsausfalls nach einer Organspende Nachteile hinnehmen zu müssen, ja den Arbeitsplatz zu verlieren, konnte der SPD-Fraktionsvorsitzende nicht gänzlich ausräumen. Man habe mit den Krankenkassen Gespräche geführt, weil es zum Beispiel bei Reha-Maßnahmen nach einer Spende eine unterschiedliche Praxis gab. Er hoffe, dass es mit dem neuen Transplantationsgesetz zu keinen Unterschieden mehr komme - sowohl für Transplantierte als auch für Spender. Aus eigener Kenntnis bestätigte Dr. Dschietzig die Sorgen eines in wirtschaftliche Not geratenen Organspenders, der jetzt mit der Krankenkasse des Organ-Empfängers prozessiert. In diesem Bereich seien Nachbesserungen dringend notwendig, so der Arzt. Detlef Bösebeck suchte nach einer Antwort zu den Befürchtungen eines Lebendspenders um seinen Arbeitsplatz. Er half sich mit einer Gegenfrage: "Wie dumm muss ein Arbeitgeber sein, der eine Person benachteiligt, die sich so für einen anderen Menschen einsetzt?"

Frank-Walter Steinmeier warb in Elsterwerda eindringlich dafür, mit dem Tabu zu brechen und zu Lebzeiten über die Organspende zu sprechen - in den Familien, aber auch im Unterricht. Einen Durchbruch könne er sich aber nur vorstellen, wenn es im Zusammenwirken mit den Kliniken eine bessere Organisation, klare Verantwortlichkeiten gebe.

Zum Thema:
Eine Organspende halten laut aktueller Umfrage einer Krankenkasse 86 Prozent der Deutschen für vernünftig. Doch nur 18 Prozent von ihnen besitzen einen Organspenderausweis, der eine Entnahme von Organen nach dem Hirntod eines Menschen erheblich erleichtert. Ein neues Transplantationsgesetz soll Ende Mai vom Bundestag verabschiedet werden. Ziel ist es, die Organentnahme in den Kliniken voranzutreiben. In jeder Klinik soll es einen Transplantationsbeauftragten geben. Zum Tag der Organspende am 2. Juni gibt es im Cottbuser Blechen Carré zum 30. Mal eine öffentlichkeitswirksame Aktion mit der Aufführung von Carmina Burana von Carl Orff. Die zentrale Veranstaltung findet am selben Tag in Dresden statt.